Minkah Fitzpatrick und die Pittsburgh Steelers gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Minkah Fitzpatrick und die Pittsburgh Steelers gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Imago Images / ZUMA Wire / Jason Pohuski

Strukturwandel bei den Pittsburgh Steelers

geschrieben/veröffentlicht von/durch  26.05.2021
Die Pittsburgh Steelers zählen zu den großen Franchises der NFL, ihr historischer Weg ist gepflastert mit unvergesslichen Triumphen, legendären Namen und einer einmaligen Symbiose mit ihrer stählernen Heimat. Wie nur wenige andere Teams stehen die Mannen aus der AFC North in den letzten Jahrzehnten für konstanten Erfolg und die Verinnerlichung der selbst kreierten Siegermentalität. Aber selbst ein Liga-Powerhouse wie die Steelers kann Vater Zeits Uhren und die damit einhergehenden Veränderungen nicht aufhalten.

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So stetig, notwendig und immer wiederkehrend Strukturwandel in der Geschichte der Menschheit ist, so schmerzhaft und brutal können seine Auswirkungen das Leben vieler Orte für immer verändern. Wenn Altes geht, das, was Hoffnung spendete, was Identität und Halt in einer sich immer weiter drehenden Welt gab. Und wenn Neues auf sich warten lässt, Löcher nicht gefüllt und Tränen des Verlusts nicht getrocknet werden. Und der Mensch das Leben und das täglich Brot, das er kennt, nicht mehr wieder findet. Amerikas Rust Belt, früher das von der Schwerindustrie angetriebene Herz einer boomenden Industrienation, ist ein mahnendes Beispiel dafür, welch gewichtige Erschütterungen die Zeit mit ihren Veränderungen anrichten kann. Unter vielen Städten weiß das auch Pittsburgh ganz besonders, war sie doch eine der Hochburgen der amerikanischen Stahlindustrie.

Nun sind sportliche Veränderungen in der NFL in keiner Weise vergleichbar mit dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, wie ihn Amerikas Heartland und viele andere Industrieregionen dieser Welt in den vergangenen Jahrzehnten durchleben. Dennoch gleichen sich manche der Fragen, die man sich in leitenden Büros und im Front Office der Steelers in diesen Tagen stellen kann. Ja sogar stellen muss, bieten sie doch den unvermeidbaren Problemen die Stirn, welche durch Verwandlung hervorgerufen werden und für die sie passende Lösungen finden sollen. Jahrelang wusste man bei den Pittsburgh Steelers woran man ist. Man wusste, dass Quarterback Ben Roethlisberger das Team anführt, dass man es auf dem Rücken der eigenen dominanten Defense mit jedem in der NFL aufnehmen konnte und dass man eigentlich immer zum erweiterten Favoritenkreis für den Super Bowl zu zählen war.

Die Pittsburgh Steelers und ihre ungewisse Zukunft

Dieses Selbstverständnis, es wurde genährt durch ein historisches Erbe, welches die Steelers auch im neuen Jahrtausend mehr als zu ehren wussten. Von 2000 bis 2020 gewannen sie 205 NFL Regular Season Spiele, holten zwei Mal die Lombardi Trophy und qualifizierten sich insgesamt 13 Mal für die Playoffs. Nun aber legt sich der Schleier der Zeit über diese erfolgreichen Dekaden, unvermeidliche Veränderungen stehen an und verlangen ihren Tribut. Ben Roethlisberger geht in seine finale NFL-Saison, ein letztes großes Hurra für den zukünftigen Hall Of Famer scheint im Angesicht schmerzhafter Narben, schwindender Kraft und längst vergangener Mobilität kaum denkbar. Selbst sein Team scheint sich nicht sicher zu sein, wie es mit der kommenden Saison umgehen will. Zwar drafteten sie den ein oder anderen potenziellen Unterschiedsspieler wie Running Back Najee Harris, legten gleichzeitig aber nur dünne Pflaster über klaffende Wunden wie die Offensive Line oder ihre Cornerbacks. Sie modellierten einige Verträge, um Geld für das Heute zu generieren, ließen dafür andere aber unberührt und schoben eben nicht alle ihre Chips in die Tischmitte des Jahres 2021.



So mancher mochte schon vor der Offseason nach einem umfassenden Rebuild rufen, ein Wort, was vielerorts in der NFL zum Alltagsgebrauch gehört, in Pittsburgh dafür eigentlich nie zu vernehmen ist. Nur konnte man nicht ganz loslassen, Ben Roethlisberger wollte noch ein Jahr spielen. Einem verdienten Spieler wie ihm, der trotz seiner charakterlichen Fehler mit seiner physischen Spielweise wie die Faust auf das Auge der hartgesottenen Arbeiterstadt passte, erlaubt man diesen Wunsch. Zumindest, wenn man die Sportgötter und die Geister von vergangenem Ruhm nicht zu sehr herausfordern möchte. "Big Ben" gibt dem Team wohl auch die beste Chance auf kurzfristigen Erfolg, so schwer es mit dem ganz großen Wurf auch sein mag. Vor diesem Hintergrund wären weitere Short Term Lösungen möglich, aber die Steelers wissen wie kaum eine andere Mannschaft in der NFL, mit langfristigem und bodenständigem Wirtschaften für ein erfolgreiches Morgen vorzusorgen. Zumindest wussten sie es in vielen der vergangen Jahrzehnte, in denen noch so viele Veränderungen in der eigenen Franchise oder auch in der National Football League sie nicht von ihrem Weg abbringen konnten.

Die Steelers müssen bald viele Fragen beantworten

Das Gestern schützt allerdings nicht vor Problemen in der Zukunft. Zwar verfügen die Steelers derzeit über den meisten Cap Space der gesamten NFL im Jahr 2022, doch namhafte Stützen wie Superstar T.J. Watt müssen neue Arbeitspapiere bekommen. Dazu lechzt ein Kader, in dem es punktuell eklatante Schwachstellen gibt, ebenfalls stellenweise nach einer Überholung. Letzteres wurde zuletzt bei der erschütternden Niederlage gegen Cleveland in den letztjährigen NFL Playoffs deutlich, ein Spiel, dass nicht nur von seinem Resultat überhaupt nicht zum historischen Selbstverständnis der Steelers Franchise passte. Hier herrschte Konfusion anstatt selbstbewusster Gelassenheit, hier fehlte Physis wo sonst Schmerzen verteilt wurden, hier schien sich ein Nimbus zu verabschieden. Was bleibt sind Fragen, für das Heute und das Morgen. Ein sehnsüchtiger Blick in den eigenen Spiegel wird die Steelers irgendwann fragen, wie es denn weitergehen soll. Wie sehr man sich heute noch auf die eigene Defense verlassen kann? Wie viel das Laufspiel an Hilfe bedarf, bis es wieder zu einem würdigen Fundament für eine Franchise im kalten Norden der USA wird? Wer als Quarterback auf den großen Ben Roethlisberger folgen soll?

Derzeit sind es Fragen, die wohl auf einen anderen Tag verschoben werden. Allerdings lehrt nicht nur die Erinnerung an die Gefahren eines Strukturwandels, dass man sich besser noch heute über die Veränderungen Gedanken macht, die unvermeidlich morgen kommen werden. Ganz ohne Schmerzen wird dies nicht möglich sein und gleichzeitig stecken darin auch wieder ganz neue Chancen. Auch das weiß man in Pittsburgh ganz genau. Hier saß der Stachel vom Niedergang der amerikanischen Stahlindustrie tief, gleichzeitig standen die Menschen wieder auf und transformierten die Metropole der drei Flüsse in ein teilweise boomendes, modernes Technologiezentrum mit aufstrebendem Bildungssektor und wachsendem Wissenschaftskern. Hierbei sind nicht nur neue Ideen ausschlaggebend, durchaus alte Werte und einstiges Selbstverständnis liefern ihren Part. Das "Ärmel hochkrempeln", das Nachjagen nach dem amerikanischen Traum, eine selbstreflektierte Arbeitseinstellung und Wandelbarkeit.

Ähnlich wird es wohl bei den Steelers sein. Neues muss kommen, doch Altes wird bleiben. Wenn schon nicht personell, dann aber ganz sicher in der eigenen Identität, die sie zu einer der dominantesten Franchises der gesamten NFL gemacht hat…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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