Party im Dawg Pound: Wide Receiver Travis Benjamin in der Saison 2015 Party im Dawg Pound: Wide Receiver Travis Benjamin in der Saison 2015 IMAGO / Icon SMI

Replay: Als der Dawg Pound der NFL einheizte - die Geschichte der Cleveland Browns

geschrieben/veröffentlicht von/durch  17.04.2021
Es gibt den famosen Start der Cleveland Browns, die gleich in den ersten fünf Jahren ihrer Existenz jeweils die Meisterschaft gewannen. Es gibt die Ära der Erfolglosigkeit in der jüngeren Vergangenheit. Es gibt die Rivalität mit den Pittsburgh Steelers oder die Niederlagenserie gegen die Denver Broncos in den AFC-Finalspielen. Es gibt so viele Geschichten, um die Historie der Browns zu erzählen. Und doch sticht ein Wendepunkt in der Team-Historie hervor, ohne den es die Cleveland Browns gar nicht mehr geben würde.
 
Es waren die Fans der Browns, die den Kollaps verhinderten. Der Dawg Pound, so der Name des harten Fan-Kerns in der heutigen Ostkurve des FirstEnergy Stadiums, überfiel die National Football League Mitte der 1990er Jahre mit einer Klagewelle – die Stadt Cleveland und weitere Fans schlossen sich an. Kurz nachdem Art Modell, der damalige Besitzer des Teams, mitten in der Saison 1995, am 6. November, um genau zu sein, erklärt hatte, die Franchise von Cleveland nach Baltimore umziehen zu lassen, war es zum Zusammenschluss der Fans mit der Stadt gekommen. Es ging um Schadensersatzforderungen, Dauerkarten und mehr. Weder die Stadt Cleveland noch die Fans der Browns wollten den später als "The Move" bekannten Umzug von Ohio nach Maryland akzeptieren.

“Hunde, die bellen, beißen nicht“, heißt es so schön – doch in diesem Fall wurde das Gebell der Fans zu laut. 1984 hatte Browns-Verteidiger Hanford Dixon mit seinen Teamkollegen eine besondere Art der Motivation vor den Heimspielen kreiert. Gemeinsam waren sie vor ihre Fankurve gegangen und hatten sich gegenseitig sowie die Fans angebellt. Daraus entstand in der Folge die Bezeichnung “Dawg Pound“ für den Abschnitt im Stadion, in dem sich die Treuesten unter den Anhängern zu den Heimspielen einfinden.

NFL lässt Browns zurückkehren

Und das Gebell wirkte. Die National Football League hielt dem Druck der Fans nicht Stand und ließ sich auf einen Deal ein. Würde die Stadt Cleveland es bis 1999 schaffen, ein modernes Stadion zu bauen, dann dürften die Cleveland Browns zur Saison 1999 wieder in der NFL mitmischen. Zudem würde die Geschichte der Browns sowie deren Titel-Sammlung in Cleveland verweilen. Modell dürfe zwar umziehen, doch müsse er in Baltimore ein neues Team gründen. Und die Stadt Cleveland machte bei dem Deal mit. Das alte Stadion wurde abgerissen und an gleicher Stelle entstand das Cleveland Browns Stadium, heute FirstEnergy Stadium genannt. Die NFL hatte mit den Fans und der Stadt einen Kompromiss gefunden, der zur damaligen Zeit einmalig war.

Doch warum wollte Modell überhaupt weg aus dieser Sport-verrückten Stadt im Herzen von Ohio? Zumal Modell als Gegner von Relocations galt, den Umzug der Baltimore Colts nach Indianapolis ebenso kritisiert hatte, wie er versucht hatte, Al Davis davon abzuhalten mit seinen Oakland Raiders 1982 nach Los Angeles zu ziehen. Aber Modell war unter Druck geraten. Bereits 1975 hatte der charismatische Teambesitzer einen Vertrag mit der Stadt Cleveland abgeschlossen und dabei sämtliche Betriebskosten des Stadions übernommen. Darüber hinaus führte er auch eine für heutige Maßstäbe geringe Miete an die Stadt ab. Im Gegenzug durfte er das Stadion wie sein Eigentum nutzen und kassierte auch die Einnahmen der Suites aus Spielen der Baseballer der Cleveland Indians.

Unterstützung vom Rivalen

Als das MLB-Team aber 1994 ins Jacobs Field umzog und Modell diese Einnahmen wegbrachen, machte er plötzlich Verluste. Nach Angabe von Modell hatte er bis zum Ende des Jahres 21 Millionen US-Dollar verloren und war zum Handeln gezwungen. Dabei versuchte der damals 70-Jährige zunächst an Steuergelder der Stadt zu kommen, um das bereits 1931 eröffnete Cleveland Stadium für rund 175 Millionen US-Dollar sanieren zu lassen. Doch ehe es zu einer Entscheidung gekommen war, überraschte Modell die NFL, indem er verkündete, bereits einen Vertrag mit der Stadt Baltimore geschlossen zu haben. Am 7. November, also einen Tag nach der Verkündung, wurde dem Steuerzuschuss mit überwältigender Mehrheit zugestimmt - doch es war zu spät.

Die folgende Klagewelle von Stadt und Fans schaffte es bis in den Kongress der Vereinigten Staaten. Es gab sogar eine Welle der Solidarisierung. So erhielten die Fans der Browns gar Unterstützung von den Anhängern der Pittsburgh Steelers, die sich um ihre langjährige Rivalität sorgten. Auch Steelers-Besitzer Dan Rooney lehnte den Umzug ab. Fan-Artikel mit der Aufschrift "Muck Fodell" fanden reißenden Absatz.

Neustart, Couch und Expansion Draft

Umso glücklicher waren dann die Fans, als es 1999 wieder losging. Die Browns hatten von den NFL-Besitzern den 1st Overall Pick im damaligen Draft bekommen, den sie nutzten, um Tim Couch als Quarterback zu holen. Zusätzlich wurde noch ein Expansion Draft veranstaltet. Dabei musste jedes der anderen damals 30 Teams insgesamt fünf Spieler benennen, die sie aus ihrem Roster den Browns zur Verfügung stellen würden. Aus diesem Pool von 150 Spielern mussten die Browns dann mindestens 30 und durften maximal 42 Spieler auswählen, die in der neuen Saison dann für Cleveland spielen würden. Am Ende wurden es 37 - eine bunte Mischung aus Talenten und gestandenen Spielern, die ihren vermuteten Leistungszenit noch vor sich hatten. Allerdings machten die Browns schon damals fast alles falsch, was sie hatten falsch machen können. Quarterback Kurt Warner befand sich beispielsweise im Angebot, wurde aber ignoriert, wollte man doch mit Couch in die neue Zukunft starten. Bereits 2002 befanden sich nur noch drei Spieler aus dem Expansion Draft im Kader, allesamt gehörten sie den Special Teams an.

Es ist ein wenig der Humor der Geschichte, dass die neuen Browns so ziemlich das Gegenteil von dem erlebten, was die alten Browns bei ihrer Entstehung erlebt hatten. Die neuen Browns sind das erfolgloseste Team seit 1999. Lediglich 2002 und 2020 erreichte man die Playoffs, besser in Erinnerung ist gar die Saison 2017, als die Mannschaft unter Head Coach Hue Jackson eine 0-16-Season spielte. Legendär ist dabei die Liste an Draft-Fehlgriffen der Sorte Johnny Manziel, stets auf der Suche nach dem Franchise Quarterback, der endlich eine hoffnungsvolle Zukunft im Gepäck hatte. Couch war es jedenfalls nicht, auch wenn er 2001 in allen Spielen auf dem Feld stand und bis Baker Mayfield der einzige Browns-Quarterback war, der seinen Platz nicht innerhalb einer Saison räumen musste.

Goldene Anfangsjahre

Nachdem die Browns am 4. Juni 1944 von Arthur McBride gegründet worden waren, startete das Team 1946 in der damaligen All-America Football Conference, einer Parallelliga zur NFL. Trainer Paul Brown hatte sich eine Mannschaft der Extraklasse zusammengestellt, die in Offense und Defense gleichermaßen stark besetzt war. Vor allem die Offensive Line und Quarterback Otto Graham stachen aber nochmal hervor. Mit einer Gesamtbilanz von 47 Siegen, 4 Niederlagen und 3 Unentschieden in vier Jahren als Teil der AAFC gewannen die Browns alle Titel, die je in der Liga ausgespielt wurden.

1950 folgte der Wechsel in die NFL und der Erfolg hielt an. Sofort wurden die Browns durch ein 30:28 über die Los Angeles Rams wieder Meister, fünf weitere Finalteilnahmen folgten am Stück, in denen man immer auf die Rams oder Detroit Lions traf. Zweimal verließ Cleveland den Platz als Sieger, dreimal triumphierten die anderen. Es dauerte bis 1956, ehe es ein Liga-Finale ohne Beteiligung der Browns gab – die New York Giants schlugen die Chicago Bears.

Der schleichende Abstieg

In den späten 1950ern, nach dem Karriereende von Graham, dominierte ein neuer Star das Team und die Liga. Runningback Jim Brown setzte in der NFL neue Maßstäbe, mit ihm kam es 1964 zum letzten Titelgewinn eines Teams, das bis dahin nur Erfolg kannte. Nach dem Zusammenschluss der NFL mit der AFL 1970 fiel Cleveland dann für einige Jahre in die Mittelmäßigkeit zurück. Quarterback Brian Sipe belebte die Organisation mit einer Reihe von Game Winning Drives zu Beginn der 1980er Jahre wieder und sein Nachfolger Bernie Kosar machte aus den Browns wieder einen Super-Bowl-Anwärter, allerdings verlor Cleveland gleich dreimal innerhalb von vier Jahren das AFC-Finale gegen die Denver Broncos mit John Elway.

1991 übernahm dann Bill Belichick den Posten des Cheftrainers. Der Defensiv-Spezialist war als Defensive Coordinator gerade Super-Bowl-Champion mit den New York Giants geworden und war erstmals für ein Team als Head Coach verantwortlich. Gerade als Belichick sein Team nach drei Jahren nach seinen Vorstellungen geformt und 1994 erstmals in die Playoffs geführt hatte, wurde auch der Trainer von den Plänen Modells zum Umzug nach Baltimore überrascht. Die Spielzeit 1995 wurde von den Nachrichten überschattet, das Thema belastete die Umkleidekabine und Belichick warf schließlich hin. Der Rest ist Geschichte und Ansporn für die Browns endlich den Anzug als Loser-Team abzustreifen, der Anfang wurde 2020 gemacht.

“The Move“ - Nachbetrachtung

Art Modell wurde in Baltimore übrigens nicht glücklich. Aufgrund anhaltender finanzieller Probleme wurde Modell zum Verkauf seiner neuen Baltimore Ravens aufgefordert. Am 27. März 2000 erwarb Steve Bisciotti 49 Prozent der Ravens mit der Option, bis 2004 auch den Rest für den Fixbetrag von 325 Millionen US-Dollar kaufen zu können. Am 8. April 2004 machte Bisciotti von seiner Möglichkeit Gebrauch und Modell ging in den Ruhestand. Bis zu seinem Tod im Jahr 2012 kehrte Modell nicht mehr nach Cleveland zurück und auf Wunsch seines Adoptivsohnes David Modell, der 2017 an Lungenkrebs verstarb, verzichteten die Browns am Tag nach Modells Tod auf eine Kondolenz auf ihrer Homepage. Man befürchtete, dass es zu einem Shitstorm kommen würde, so sehr wurde Modell wegen des Umzugs in Cleveland bis zu seinem Tode verschmäht. Die Ravens indes holten seit ihrer Entstehung zweimal den Super Bowl.

Mehr zur Historie der Cleveland Browns gibt es in dieser Print-Ausgabe von TOUCHDOWN24.

Weitere Geschichten der NFL-Teams


Anmerkung: In unserer Rubrik "Replay" blicken wir auf frühere Artikel unserer Print-Ausgaben zurück. Gefallen Dir die Artikel und willst Du sie direkt bei Veröffentlichung lesen, dann schau doch in unseren Online-Shop und hole Dir das aktuelle Magazin oder gleich ein kostengünstiges Abo.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden