Ragt noch immer heraus: Ben Roethlisberger Ragt noch immer heraus: Ben Roethlisberger IMAGO / ZUMA Wire

Replay: Ben Roethlisberger - der emmentaler Stolz in der Stadt der Stahlindustrie

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Alexandros Duskos 27.02.2021
Wir schreiben das Jahr 1873 in Unterfrittenbach, Gemeinde Lauperswil im Emmental. Der Schweizer Karl Röthlisberger entschließt sich in die USA auszuwandern. In Findlay, im US-Bundesstaat Ohio, sollten dann schließlich die nächsten Generationen der Röthlisbergers aufwachsen, bis es am 2. März 1982 in Lima zur Geburt des heute bekannten Benjamin Todd Roethlisberger kommt.
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Der Quarterback der Pittsburgh Steelers, der sich der Einfachheit wegen “Ben“ mit Vornamen nennt, setzt sich noch heute mit seiner Herkunft auseinander: So besuchte er mit Hilfe des Programms “swiss roots“ seinen im Emmental lebenden Großonkel Otto, um seine Schweizer Wurzeln zu ergründen. “Big Ben“ ist heute nicht nur das Gesicht seiner Franchise, sondern auch das Gesicht der Stadt Pittsburgh. Doch was macht seine Persönlichkeit eigentlich so besonders? Wer ist Benjamin Roethlisberger, wenn er in die Kabine kommt oder den Helm abnimmt? Ist seine Privatperson ebenso hochgeschätzt wie seine Rolle als Quarterback mit der Nummer 7, die er gemäß seines großen Vorbilds John Elway trägt?

Er begeisterte sich schon früh für den klassischen, amerikanischen Sport und spielte an der High School in seiner Heimatstadt Findlay Football, Baseball und Basketball. Eines ist sicher: Big Ben hat früh gelernt sich durchzusetzen, sich zu widersetzen und sich mit Autoritätspersonen anzulegen. Erst in seinem Abschlussjahr durfte er als Quarterback auflaufen. Sein damaliger Trainer Cliff Hite ließ seinen eigenen Sohn bevorzugt spielen. Roethlisberger stellte sich unter Beweis und glänzte mit 4041 Yards, 54 Touchdowns und nur 7 Interceptions. Der heimatverbundene Roethlisberger spielte anschließend an der Miami University in Oxford, ebenfalls Ohio, in der College Division I, an welcher seine Trikotnummer 7 seitdem nicht mehr vergeben wird.

Wie aus Stahl in der Stadt der Stahlindustrie

Big Ben wurde 2004 als elfter Spieler in der ersten Draftrunde von den Steelers ausgewählt und wusste bereits als Rookie zu überzeugen: Sein erster Job als Starter erfolgte am 26. September 2004, woraufhin er für 14 Spiele in Folge unbesiegt blieb. Erst im Championship Game musste er sich gegen die New England Patriots geschlagen geben. Das neue Gesicht, die neue Hoffnung der Stadt, schien gefunden. High School, College und NFL: Da, wo Roethlisberger auftauchte, riss er die Mannschaft an sich, ging voran - und trug sie nach vorne.

Der 1,96 Meter große Spielmacher ist zweifellos der Anführer seiner Mannschaft. Groß, hart, konzentriert und mit bösen Blicken strafend, sollte einer seiner Receiver eine falsche Route laufen. Der erste Kontakt eines Verteidigers scheint den großen Quarterback nicht auf den Boden zu bringen. Roethlisberger kann einstecken, fürchtet sich vor niemandem und wirft präzise, tiefe Päse. Die Stadt und er sind Eins geworden: “Steelers“, angelehnt an die dort ansässige Stahlindustrie und ein Teamleader, der Hits einstecken kann, als bestünde er aus Stahl – das passt. Doch wie wirkt der Status des großen Anführers auf seinen Charakter?

Jüngster Quarterback, der einen Super Bowl gewinnt

Er wusste schnell, was er kann und wofür er steht und stieg innerhalb der ersten drei Jahre seiner Profikarriere zum Star der Stadt auf. In seinem zweiten Jahr gewann er als jüngster Quarterback den Super Bowl, allerdings mit dem schlechtesten Quarterback Rating (22,7), welches es je in einem Super Bowl gegeben hat. Doch das mindert seine persönliche Härte keineswegs. In der Saison 2008 gewann er mit seinen Steelers erneut den Super Bowl - durch einen finalen Pass auf Santonio Holmes, 35 Sekunden vor Schluss. Hinterher stellte sich heraus, dass Roethlisberger mit zwei gebrochenen Rippen gespielt hatte. Spätestens jetzt war klar, dass er alles Nötige unternahm, um den großen Sieg zu erkämpfen.

Er steckte Tackles ein, spielte mit Verletzungen und trug das Team immer auf seinen Schultern – selbst wenn diese Schultern verletzt waren. Verletzungen sind bis zuletzt ein erheblicher Bestandteil seines Lebens, auch abseits des Feldes. So war er beispielsweise 2006 in einen Motorradunfall verwickelt. Eine ältere Dame übersah den ohne Helm fahrenden Big Ben und traf ihn frontal mit ihrem Wagen. Roethlisberger flog durch ihre Windschutzscheibe, brach sich Kiefer und Nase. Ben fühlte sich durch den rasend schnellen Erfolg nach seinem Draft unantastbar, unverwundbar und unbesiegbar. Diese sonst an ihm geschätzten Eigenschaften wurden ihm jedoch zum Verhängnis.

Big Ben nur auf dem Feld, privat macht er Fehler

Ist seine Rolle als Privatperson ebenso zu verstehen, wie seine Rolle als Quarterback? Charaktereigenschaften können sowohl positiv als auch negativ ausgelegt werden – wie der Fall Roethlisberger beweist. Er überträgt den Anspruch an seine Steelers auch auf seine Mitmenschen: Er ist der Größte, der Beste und derjenige, der den Ton angibt. Etwa auch bei Frauen? 2008 und 2010 wurde ihm Vergewaltigung vorgeworfen. Schien er Begriffe wie “Durchsetzungsvermögen“ falsch zu interpretieren? Fühlte er sich als Star in seiner Ehre verletzt, wenn er ein “Nein“ kassierte?

Mit der ersten Klägerin einigte er sich außergerichtlich, auch 2010 kam es zu keiner Anklage. Als nun langsam aber sicher derartige Informationen durch die Medien hindurch sickerten, machte sich der private Benjamin Todd mehr und mehr bemerkbar: Häufige Partnerwechsel, sich für etwas Besseres halten und die Rechnungen in Restaurants und Bars nicht bezahlen – auf einmal wurde die Stadt von lauter Vorwürfen überschüttet. Ist ihr Big Ben ein frauenfeindlicher und überheblicher Gewalttäter?

Die Wende im Privatleben: Hochzeit mit Ashley

Darf er aufgrund seiner Führungsqualitäten als Sportler alle anderen Regeln missachten und mit Gewalt reagieren, wenn er sich daneben benimmt und darauf angesprochen wird? Trotz des Erfolges waren die Menschen in Pittsburgh aufgebracht. Ihnen war es nicht mehr egal, was ihr Quarterback von Montag bis Samstag trieb, obgleich er am Sonntag ein herausragendes Spiel ablieferte. Steelers–Legende Terry Bradshaw forderte die Entlassung. Andere übten Nachsicht und hielten das Verhalten für eine Art Kompensation, sich in der Ära von Tom Brady und Bill Belichick behaupten zu müssen. Einige ortsansässige Medien hielten es für pure Arroganz.



2011 musste Roethlisberger sein Leben schlagartig ändern, mit der Stadt und den Medien ins Reine kommen. Er heiratet die Arzthelferin Ashley Harlan und gründete seine eigene Familie. Das Paar brachte mittlerweile dreimal Nachwuchs auf die Welt. Zudem kümmern sich Ben und Ashley um kranke Kinder und erfüllen ihnen Wünsche, die sich die Kinder und deren Familien sonst nicht leisten könnten. Ob es die Hochzeit, Ashley selbst, die Kinder oder alles zusammen war: Seitdem ist Roethlisberger sowohl privat als auch als Quarterback der Steelers vorbildlich.

Neuer Angriff auf seinen dritten Titel

Er wurde netter, wenn man ihn draußen auf der Straße traf und ist bis heute höflich zu Journalisten. Sein Team zählt auf ihn, braucht ihn und kommt ohne ihn auf dem Feld kaum aus. Seine Qualitäten als Spielführer hat er dennoch nicht verloren. Nach neun Spielen in der Saison 2016 und einem Stand von nur vier Siegen bei fünf Niederlagen sowie einem kurzen – im fortgeschrittenen Football-Alter auch mal verletzungsbedingten - Ausfall Roethlisbergers, kam er zurück und nahm die Mannschaft wieder einmal auf seine Schultern.

Big Ben und die Steelers gewannen die letzten sieben Spiele der Regular Season in Folge und zogen doch noch in die Playoffs ein, wo sie einmal mehr an den Patriots im AFC Championship Game scheiterten. In der zurückliegenden Saison blieb Pittsburgh von allen Teams der Liga am längsten ungeschlagen und schied dann kläglich in den Playoffs gegen die Cleveland Browns aus. Vielleicht macht sich Roethlisberger auch gerade deswegen Gedanken um sein mögliches Karriereende, weil die bis dahin dann so starken Steelers einmal mehr chancenlos waren. Doch die Befürchtungen, er könnte zurücktreten, haben sich erübrigt. Vor einer knappen Woche deuteten Spieler und Team an, miteinander weiter arbeiten zu wollen. 

Er will es noch einmal wissen! Wie lange noch? Ein Jahr? Zwei Jahre? Man weiß es nicht. Der mittlerweile bald 39-Jährige muss zwischen seinen Verletzungen, seiner Frau, seinen Kindern und seiner Motivation für einen dritten Ring am Finger für sich selbst abwägen. Denn Roethlisberger weiß nur zu gut: Er kann nach wie vor seine Mannschaft führen, sie motivieren und koordinieren, der entscheidende Faktor sein. Er vereint den emmentaler Stolz mit dem Wesen Amerikas. Er vertreibt seine eigenen Barbecue-Saucen in Pittsburgh, versöhnte sich mit der Stadt und verfolgt nach der Geburt seines dritten Kindes noch einmal das Ziel, welches seine Achterbahnkarriere abschließen soll: Seinen dritten Sieg im Super Bowl - der siebte Titel für den amtierenden Rekordmeister.

Anmerkung: In unserer Rubrik "Replay" blicken wir auf frühere Artikel unserer Print-Ausgaben zurück. Gefallen Dir die Artikel und willst Du sie direkt bei Veröffentlichung lesen, dann schau doch in unseren Online-Shop und hole Dir das aktuelle Magazin oder gleich ein kostengünstiges Abo.

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