Hat Denvers Russell Wilson noch etwas von seiner alten Magie übrig?
IMAGO / USA TODAY Network

Während die verbliebenen vier Teams in den Playoffs um Ruhm und Ehre kämpfen, richtet sich der Fokus der anderen Franchises bereits auf 2023. Derzeit gibt es fünf Teams, die noch auf der Suche nach einem Head Coach sind. Fast alle dieser Franchises haben bereits Interviews durchgeführt und werden in den kommenden Tagen und Wochen ihre Lösungen präsentieren. Grund genug für TOUCHDOWN24, um einmal einen Blick auf diese offenen Stellen zu werfen und sie nach ihrer Attraktivität für Anwärter zu vergleichen.

 

Platz 5: Carolina Panthers

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Die Saison der Panthers schien zu Saisonbeginn ein hoffnungsvoller Fall zu sein, doch Interims-Coach Steve Wilks brachte das Schiff nach der Entlassung von Matt Rhule zumindest wieder in ruhigere Gewässer. Er wird sicher einer der Top-Kandidaten auf den Job in Carolina sein, doch die Panthers haben bei ihrer Coaching-Suche ein großes Problem: Die derzeitige Quarterback-Situation. Das Experiment mit Baker Mayfield scheiterte krachend, was sogar in seiner Entlassung zur Saisonmitte gipfelte.

Damit blieb den Panthers nach einem kurzen und großteils erfolglosen Intermezzo von XFL-Star P.J. Walker nichts weiter übrig, als erneut auf Sam Darnold zu setzen – der Darnold, den man zuvor eigentlich traden wollte. Darnold hat im Saisonschlussspurt, in dem Carolina in der schwachen NFC South plötzlich wieder im Playoff-Rennen war, genug gezeigt, dass sich so mancher Coach vielleicht denkt, er könne ihn doch zu dem Spieler formen, der er einst auf dem College versprach, zu sein. Angesicht der Tatsache, wie oft wir das bei Darnold bereits gedacht haben, wäre das aber „fools gold“, wie der Amerikaner sagen würde.

Das Problem für die Panthers ist der Mangel an echten Alternativen. Matt Corral, ein Drittrundenpick im 2022er-Draft, war das ganze Jahr verletzt und das Team pickt im Draft nur an 9. Stelle – wohl zu spät, um einen Bryce Young, C.J. Stroud, Will Levis oder womöglich gar Anthony Richardson zu landen. Vielleicht fällt einer dieser Spieler Carolina in den Schoß oder man begnügt sich mit einem Routinier wie Derek Carr. Doch aufgrund der Unsicherheit auf QB ist Carolina für mich die unattraktivste Coaching-Stelle in dieser Offseason.

 

Platz 4: Indianapolis Colts

 

Wie die Panthers haben die Colts keinen ernsthaften Franchise-Quarterback im Roster, doch sie haben das nächstbeste Asset: einen hohen Draft-Pick. Die Colts dürfen im 2023er-Draft derzeit an Position 4 picken, vor allem dank der Niederlagenserie von sieben Spielen unter Interims-Coach Jeff Saturday. Von Vorteil für Indy ist zudem, dass die Houston Texans am letzten Spieltag den bereits sicher geglaubten Nummer-Eins-Pick noch verspielt haben – damit haben die Colts ernsthafte Trade-Optionen mit den Chicago Bears an Position 1.

Ein Trade nach oben passt zwar nicht unbedingt zur Philosophie von General Manager Chris Ballard, doch er hat gute Kontakte zu Bears-GM Ryan Poles, haben beide doch einst zusammen bei den Kansas City Chiefs gearbeitet. Hinzu kommt, dass der emotionale Owner Jim Irsay nach Jahren im Quarterback-Veteranen-Karussell endgültig genug vom jährlichen Wechselspiel hat. Er wird Druck auf Ballard ausüben, im Quarterback endlich einen jungen Franchise-Quarterback zu finden – koste es, was es wolle.

Ballard ist einer der größten Pluspunkte der Colts auf der Suche nach einem neuen Coach. Trotz des schlechten Verlaufs dieser Saison hat der 53-Jährige oft genug gezeigt, dass er eine Nase für junge Talente hat. Jeder neue Head Coach sollte ausreichend Vertrauen in Ballard haben, dass er das in den letzten beiden Jahren schwindende Roster-Niveau mit einem jungen Franchise-Quarterback wieder anheben kann. Dennoch reicht es aufgrund eines ungeduldigen Owners nur zu Platz vier in unserem Ranking.

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Platz 3: Arizona Cardinals

 

Auf den ersten Blick müssten die Cardinals eigentlich an der Spitze dieser Liste stehen. Warum? Nun, sie sind das einzige Team, das einen echten Franchise-Quarterback in den eigenen Reihen weiß. Kyler Murray hat bereits oft gezeigt, dass er auf einem Elite-Level spielen kann und sich damit neulich einen (teuren) zweiten Vertrag gesichert. Die Cardinals waren zudem noch im Vorjahr in den Playoffs und sahen Ende 2021 phasenweise wie das beste Team der Liga aus.

Das Potenzial ist also definitiv vorhanden, doch die Art und Weise, wie das Kartenhaus aus Murray und Kliff Kingsbury in nur einem Jahr komplett eingestürzt ist, macht stutzig. Es sieht nicht so aus, als habe Owner Michael Bidwill derzeit einen Plan, wie es mit der Franchise weitergehen soll. DeAndre Hopkins scheint auf dem Trade-Block zu sein, und dann wären da noch die Fragen rund um Murrays Fähigkeiten als Anführer, als Leader eines Football-Teams. Zuletzt wurden wiederholt Stimmen laut, die hinterfragt haben, ob Murray eine Umkleidekabine wirklich hinter sich vereinen kann.

Wie man auch immer zu diesem Thema steht, unbestreitbar ist, dass Murray aufgrund seiner vergleichsweise geringen Körpergröße wie ein Russell Wilson in Denver das Spiel auf eine spezielle Art angehen muss. Man kann ihn nicht einfach hinter eine Offensive Line stecken und erwarten, dass er als Pocket-Passer ähnliche Ergebnisse liefert wie ein Joe Burrow oder Trevor Lawrence. Baut man seine Offense allerdings um die Stärken des 25-Jährigen herum auf, ist meiner Meinung nach sogar ein MVP-Titel drin. Das macht die Cardinals wohl zur Head-Coach-Stelle mit dem größten Upside. Mal sehen, für wen sich der neue GM Monti Ossenfort entscheidet ...

 

Platz 2: Houston Texans

 

Wie die Indianapolis Colts haben die Texans keinen Franchise-Quarterback im Roster, doch sie haben mit dem Second-Overall-Pick beste Chancen, sich einen in diesem Draft ins Team zu holen. Anders als bei den Colts ist das Roster der Texans auf vielen Stellen noch zu schwach, um im ersten oder zweiten Jahr mit einem Rookie wirklich angreifen zu können. Zudem gab es Gerüchte, wonach General Manager Nick Caserio nach der Saison durchaus auf dem Prüfstand war – sein Seat ist für 2023 daher schonmal ein wenig erhitzt, auch wenn ich ihn noch nicht als Hot-Seat-Kandidaten beschreiben würde.

Das ist für zukünftige Coaches natürlich ein Problem. Kein Trainer will, dass sein Manager nach nur einer Saison bereits wieder gefeuert wird. Das reißt alles bisher geschaffene auseinander und sorgt in vielen Bereichen für einen strukturellen Neuanfang. Dennoch sehe ich die Texans derzeit ein wenig attraktiver als die Colts und das liegt in erster Linie am ruhigeren Umfeld. Ownerin Janice McNair erwartet nicht den unbedingten Erfolg wie ein Jim Irsay in Indianapolis und könnte dem Fortschritt auch bei ausbleibenden Resultaten in den ersten beiden Saisons vertrauen.

Zudem haben die Texans einige wichtige Stellen bereits exzellent besetzt. Das gilt beispielsweise für Left Tackle Laremy Tunsil und die jungen Cornerbacks. Der Rest des Kaders benötigt einen Umbruch, doch solange ein neuer Trainer die Zeit dafür bekommt, ist das mit den Ressourcen der Franchise durchaus möglich. Das macht die Texans für mich zu einem sehr attraktiven Spot für junge Coaches, die eine Kultur etablieren wollen, wie es beispielsweise Dan Campbell in Detroit gezeigt hat.

 

Platz 1: Denver Broncos

 

Der attraktivste Head-Coaching-Job könnte sich sehr schnell auch als vergifteter Kelch herausstellen. Einer der wichtigsten Aspekte für NFL-Coaches auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber ist die Quarterback-Situation. Hier hat Denver mit Russell Wilson einen der besten Signalcaller des letzten Jahrzehnts, der im Vorjahr aber nur ein Schatten seines früheren Selbsts war. PFF gradete seine Saison mit einem Wert von 66,2 (Rang 26 ligaweit) – das sind zehn Grading-Punkte weniger als seine schwächste Saison in Seattle.

Angesichts von Wilsons unkonventionellem Spielstil und seinem bereits fortgeschrittenen Alter (34) muss ein neuer Coach davon überzeugt sein, dass er Wilsons Magie wiederbeleben und die Situation in Denver herumreißen kann. Denn die Broncos haben noch immer eine Menge Talent im Kader, vor allem in der Defense. Aber auch offensiv gibt es genügend Waffen (Jeudy, Sutton, Williams, …), um den Wilson-Express schnell wieder ins Rollen zu bekommen.

Hinzu kommt, dass die Broncos jetzt der Walton-Familie gehören und damit zu den wohlhabendsten Franchises der Liga zählen. Damit gehen natürlich offensichtliche, persönliche finanzielle Vorteile für den neuen Trainer einher. Es eröffnet aber auch die Möglichkeit, dass Denver nun bereit ist, in anderen Bereichen der Organisation, die nicht durch einen Salary Cap begrenzt sind, mehr zu investieren, um einen Vorteil zu erlangen. Ich rede da beispielsweise vom erweiterten Coaching- und Support-Staff. All das macht Denver für mich zur attraktivsten Head-Coach-Stelle in dieser Offseason.