Die Cleveland Browns, Austrager des Drafts, sind einer der klaren Draft-Gewinner. Die Cleveland Browns, Austrager des Drafts, sind einer der klaren Draft-Gewinner. IMAGO / UPI Photo

Overtime – Gewinner und Verlierer des NFL Drafts

geschrieben/veröffentlicht von/durch  04.05.2021
Der NFL Draft 2021 ist Geschichte und es ist an der Zeit für uns, ein kleines Fazit zu ziehen. Welche Teams haben bei der jährlichen Talente-Auswahl so richtig abgeräumt und wer ist eher hinter den Erwartungen zurückgeblieben? Hier sind meine Gewinner und Verlierer des Drafts.
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Momentan sehen wir sie ja an jeder Ecke, die berühmten Draft Grades oder Benotungen der verschiedenen General Manager der Liga. Ich finde, es ist immer schwer, einem Team direkt nach dem Draft eine Benotung zu geben – wie ist denn absehbar, wie sich die Talente in wenigen Jahren entwickeln werden? Schließlich schreibe ich ja selbst immer wieder, so etwas wie ein sicheres Prospect gibt es im Draft (mit sehr wenigen Ausnahmen) nicht.

Bei meinen Siegern und Gewinnern des Drafts geht es deswegen nicht darum, stupide abzugleichen, welches Team die Spieler auf meinem Big Board höher oder niedriger genommen hat – das bietet niemandem einen Mehrwert. Die Packers etwa hatten meiner Meinung nach einen klassischen Needs-Draft und reachten ein paar Mal für Positionen, die sie dringend benötigten. Dennoch landen sie deswegen nicht zwangsläufig unter meinen Verlierern.

Stattdessen soll es darum, die Gedankengänge der Teams hinter ihren Picks nachzuvollziehen, quasi das Gesamtbild mit einzubeziehen. Natürlich fließen da auch meine Bewertungen der Spieler mit ein, aber eben auch Dinge wie beispielsweise Positional Value. Doch damit genug des Vorgeplänkels und legen wir los mit dem ersten Draft-Gewinner.

Gewinner: Cleveland Browns


Wichtige Picks: Greg Newsome (CB, Runde 1), Jeremiah Owusu-Koramoah (LB, Runde 2), Anthony Schwartz (WR, Runde 3), Tommy Togiai (DT, Runde 5)


Jahrelang als Lachnummer der Liga abgetan, entwickeln sich die Browns für mich so langsam zu einer Art moderner Vorzeige-Franchise – wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht? Die Browns drafteten nach einer 11-Siege-Saison inklusive Playoff-Erfolg gegen Pittsburgh ungewöhnlich spät, haben aber fast mit jedem Pick einen Homerun gehittet. Schon vor dem Draft hatten die Browns vergleichsweise wenige Lücken im Kader.

Tag-1-Pick Newsome sollte sofort gegenüber von Denzel Ward starten, während Drittrunden-Auswahl Schwartz ein Field-Stretcher in der lauflastigen Browns-Offense sein wird – für mich ein exzellenter Fit. Togiai in Runde 5 war ein echter Steal und selbst der Uptrade für Owusu-Komaroah war angesichts des Values völlig im Rahmen. Für den vielseitigen Defender müssen die Browns jetzt eine spezifische Rolle finden, doch seine Flexibilität ist eben auch Komaroahs größte Stärke.

Gewinner: Chicago Bears


Wichtige Picks: Justin Fields (QB, Runde 1), Teven Jenkins (OT, Runde 2), Khalil Herbert (RB, Runde 6)


Die Bears haben mit dem Uptrade für Justin Fields für mich den besten Pick des Drafts hingelegt. So sehr ich Teams wie die Broncos (dazu später mehr) und Panthers kritisch sehe, Fields nicht genommen zu haben, muss ich die Bears loben. Sie haben ihre Chance gesehen, sind an Position 11 hochgetradet und haben jetzt seit langer Zeit endlich mal wieder einen potenziellen Franchise-Quarterback in ihren Reihen. Selten konnten Bears-Fans mit mehr Optimismus in eine Saison starten.

Das liegt auch an den restlichen Picks der Franchise: Für Jenkins, ein absolutes Beast im Laufspiel, tradete General Manager Ryan Pace sogar noch einmal nach oben. Jenkins wird direkt eine wichtige Rolle in der Protection von Fields spielen und auch Runningback David Montgomery dürfte sich über die Auswahl freuen. Den starken Draft der Bears rundete Sechstrunden-Back Herbert ab, der perfekt in das Scheme der Bears passt.

Gewinner: Los Angeles Chargers


Wichtige Picks: Rashawn Slater (OT, Runde 1), Asante Samuel Jr. (CB, Runde 2), Josh Palmer (WR, Runde 3)


Die Chargers sind mit einer klaren Vorgabe in den Draft gegangen: Franchise-Quarterback Justin Herbert beschützen, der 2020 ganze 21 Pressures pro Spiel einstecken musste. Das Waffen-Arsenal um den amtierenden Rookie of the Year passt ja bereits (Keenan Allen, Mike Williams, Austin Ekeler), jetzt sollte es also die Offensive Line sein. Mit Slater ist LA ein Superstar in Runde 1 in den Schoß gefallen – für viele der beste Tackle der Klasse. Slater ließ 2019 in über 350 Pass-Protection-Snaps keinen einzigen Sack zu.

Samuel Jr. ist ein herausragender Fit in das Zone-Scheme des neuen Chargers-Coaches und Defensive-Shootingstars Brandon Staley. Samuel hat in seiner Zeit bei Florida State eine Incompletion-Rate von über 20 Prozent forciert. Um den exzellenten Draft abzurunden, holten sich die Chargers mit Palmer in der dritten Runde noch eine weitere Big-Play-Waffe für Herbert – 2021 heißt es Wheels-Up für ein Team, das im Jahr zuvor sieben Spiele mit einem Score oder weniger verlor.

 

Weitere Gewinner auf meiner Liste: Miamia Dolphins (vor allem Tua Tagovailoa), Baltimore Ravens

Verlierer: Pittsburgh Steelers


Wichtige Picks: Najee Harris (RB, Runde 1), Pat Freiermuth (TE, Runde 2), Kendrick Green (G/C, Runde 3)


Die Steelers hatten meiner Meinung nach den schlechtesten Draft der Liga, gemessen aus Value-, Positonal-Value- und Need-Sicht. Pittsburgh musste sich dringend in der Offensive Line verstärken, hinzu kam ein großer Need auf Cornerback. Wie ich anhand des Packers-Beispiels in der Einleitung gezeigt habe, ist es durchaus in Ordnung, für Needs im Draft ein wenig zu reachen - das schließt aber mit ein, dass der Prozess dahinter Sinn ergibt.

Die Idee, das eigene Laufspiel mit einem hohen Investment in einen Runningback zu „reparieren“, ist abstrus, solange die eigene Offensive Line zu den schwächsten Run-Blocking-Units der Liga zählt (letztes Jahr Platz 31 laut PFF). Die Wahl von Freiermuth in Runde 2 war valuetechnisch in Ordnung, aber angesichts der oben erwähnten Needs auch kurios. Erst mit Green holten sich die Steelers das erste Mal Verstärkung für die O-Line – für mich zu spät und zu wenig, deswegen ist Pittsburgh mein größter Draft-Verlierer.

Verlierer: Houston Texans


Wichtige Picks: Davis Mills (QB, Runde 3), Nico Collins (WR, Runde 3), Garret Wallow (LB, Runde 5)


Wer ein Anschaubeispiel will, wie man nicht mit seinen Draft-Ressourcen umgeht, sollte dieses Jahr einen Blick nach Houston werfen. Die Texans hatten nach dem Missmanagement der Franchise in den Vorjahren bereits keinen Erst- und Zweitrundenpick und nutzen ihre erste Auswahl im Draft für Quarterback Mills – ein Spieler, der für die meisten Scouts nur Backup-Potenzial hat. Ja, Deshaun Watsons Zukunft in Houston ist unsicherer als jemals zuvor, aber Mills hilft hier trotzdem nicht wirklich weiter.

Noch abstruser war aber die Art und Weise, wie sich die Texans durch den Draft manövriert haben. Für Wideout Collins, den ich als Spieler-Typen sogar mag und der angesichts des ausgedünnten Receiving-Corps in Texas direkt eine Rolle spielen wird, gaben die Texans drei Picks auf, um an die 89 zu kommen. Und für Linebacker Wallow ging Houston dann gleich zweimal hoch. Angesichts der zahlreichen Baustellen ist es schwer zu erklären, warum die Texans so verschwenderisch mit ihrem Draft-Kapital umgingen.

Verlierer: Denver Broncos


Wichtige Picks: Patrick Surtain (CB, Runde 1), Javonte Williams (Runningback, Runde 2), Quinn Meinerz (C, Runde 3), Jamar Johnson (S, Runde 5)


Ok, Broncos-Fans, hört mir zu: Hätte Denver seine Quarterback-Situation geregelt, wäre der Draft der Broncos sehr gut gewesen. Surtain in Runde 1 ist ein exzellenter Cornerback und ein kommender Superstar und die Picks von Meinerz und Johnson waren valuetechnisch erste Sahne. Einzig die Auswahl von Williams, für den Denver hochtradete, war für mich ein wenig hoch – aber aus Need-Sicht auch absolut vertretbar.

Mein Problem mit dem Denver-Draft war das Processing. Wenn Denver dachte, dass Fields kein Franchise-Quarterback ist, dann ist das so. Wie aus Kreisen von Broncos-Reportern zu hören war, mochte Denver Fields aber sehr, Surtain aber eben noch mehr. Das ist meiner Meinung nach aus Processing-Sicht ein schwerer Fehler: Denn so gut Surtain auch ist, der Quarterback ist wichtiger und hat bedeutend mehr Value. Denver hat, wie ich vor wenigen Wochen geschrieben habe, für mich die schwächste Quarterback-Gruppe der Liga - daran ändert auch Journeyman Teddy Bridgewater nichts.

General Manager George Paton erklärte nach dem Draft, Denver sei mit seiner aktuellen QB-Situation soweit zufrieden. Eine Aussage, der ich nicht weniger zustimmen könnte. Denver hätte für Fields (oder auch Mac Jones) nicht einmal hochtraden müssen, sie sind ihnen quasi in den Schoß gefallen. Dann nicht zuzuschlagen und ein potenzielles Top-5-Roster in diesem Jahr mit einem weiteren Jahr Lock oder Bridgewater zu verschwenden, ist für mich fast schon ein Verbrechen – das leider auch den Rest des Drafts so weit überschattet, dass Denver auf meiner Verlierer-Liste landet.

(Natürlich: Sollte Denver von vorneherein gewusst haben, dass man eine reale Chance auf Aaron Rodgers hat, dann nehme ich alles zurück. Stand heute ist das für mich aber immer noch unwahrscheinlich.)

 

Weitere Verlierer auf meiner Liste: New Orleans Saints, Las Vegas Raiders

 

Was meint ihr? Habt ihr noch andere Gewinner und Verlierer, die ich an dieser Stelle ausgelassen habe? Dann antwortet mir gerne auf unseren Social-Media-Kanälen: Facebook, Twitter oder Instagram.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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