Erste Einheiten im Rookie Camp der Colts: Kwity Paye Erste Einheiten im Rookie Camp der Colts: Kwity Paye IMAGO / Icon SMI

Kwity Paye: Eine lange Reise von Guinea bis Indianapolis

geschrieben/veröffentlicht von/durch  28.05.2021
Hätte man Agnes Paye 1989 erzählt, dass sie einmal ein sorgenfreies Leben in den USA führen wird, hätte sie es wahrscheinlich für einen schändlichen Witz gehalten. Die damals Zwölfjährige erlebte in ihrem Heimatland Liberia den Ausbruch eines Bürgerkrieges mit, der über eine viertelmillion Menschen das Leben kosten sollte. “Mama hat genug gearbeitet, sie kann jetzt in Rente gehen. Ich werde sicherstellen, dass sie alles bekommt, was sie nie hatte und dass sie nie wieder einen Finger bewegen muss“, sagte ihr Sohn Kwity am Draft-Abend in die TV-Kameras. Der Anfang einer NFL-Karriere des Sohnes ist gleichsam das Ende einer leidvollen Geschichte seiner Mutter.

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Mit dem 23. Pick des NFL-Drafts entschieden sich die Indianapolis Colts für Kwity Paye von den Michigan Wolverines. Der flinke Defensive End soll im Staate Indiana in die Fußstapfen von Denico Autry und Justin Houston treten. Beide Pass Rusher hatten die Colts in der Offseason verlassen, so dass sich die Organisation für einen Neuaufbau auf der defensiven Seite der Line of Scrimmage entschied. Neben Paye wurde in Runde zwei direkt ein weiterer Quarterback-Jäger ausgewählt: Dayo Odeyingbo von der Vanderbilt University.

Geboren in einem Flüchtlingscamp


Dass es Paye überhaupt in die National Football League geschafft hat, ist schon eine Cinderella-Story an sich. Am 19. November 1998 wird Paye in einem Flüchtlingscamp in Guinea geboren. Mutter Agnes ist da schon über neun Jahre auf der Flucht. Rebellen hatten 1989 das Haus ihres Vaters angezündet, der den Angriff der Aufständigen nicht überlebte. Auch ihr Onkel fand samt ihrer Tante und ihrer Cousine den Tod während des Angriffs. Barfuß begann die Flucht über Stock und Stein von Liberia ins benachbarte Sierra Leone, wo Komotay, Agnes` erster Sohn geboren wurde. Als der Krieg auch nach Sierra Leone kam, ging die Flucht weiter nach Guinea.

Ein halbes Jahr nach Kwitys Geburt sieht Agnes die Chance für ein besseres Leben. Die junge Mutter kommt mit ihren beiden Söhnen bei bereits ausgewanderter Verwandtschaft in Warwick, im US-Bundesstaat Rhode Island, unter. Hier ist die kleine Familie zumindest in Sicherheit, lebt aber weiter in Armut. Mehrere Jobs muss Agnes verrichten, um ihre Söhne und sich selbst über Wasser zu halten, ist sogar auf Lebensmittelmarken und soziale staatliche Unterstützung angewiesen. Die Söhne finden derweil Ablenkung im Sport, besonders Kwity macht in der Schule als Defensive End und Runningback im American Football auf sich aufmerksam.

Sofort große Rolle bei den Colts


Über die Bishop Hendrickon High School empfiehlt sich Kwity für ein Stipendium, gibt den Michigan Wolverines den Zuschlag, wo er vier Jahre bleibt. Insbesondere in seinem Junior-Jahr 2019 überzeugt er mit 50 Tackles, davon 12 für Raumverlust und 6,5 Sacks. 2020 infiziert sich Paye mit Covid19 und kann nur vier Spiele absolvieren. Kein Grund, um auf dem Draftboard der meisten Teams und Scouts aus der ersten Runde zu rutschen. Hinter Jaelen Phillips und vor Gregory Rousseau sowie Odafe Oweh wird Paye in der ersten Runde ausgewählt – Indianapolis ist seine neue Heimat.

Schon allein aufgrund der Kaderzusammenstellung wird Paye vom ersten Tag an Starter im Team von Head Coach Frank Reich sein. Einfacher wäre es sicherlich gewesen, hätte ihn ein Team verpflichtet, bei dem er in eine bereits fertige Defensive Line gekommen wäre und den Pass Rush nur ergänzen und nicht gleich tragen müsste. Aber einfach kann ja jeder, Paye und seine Familie haben schon weitaus Schlimmeres überstanden und sind daran gewachsen. Achso: Sein Vierjahresvertrag bei den Colts ist mit 13,6 Millionen US-Dollar dotiert, 7,3 Millionen davon sind garantiert. Da Kwity sich um seine Mutter kümmern will, kann Mama Agnes nun wirklich in Rente gehen – verdient hat sie es, wer will es ihr neiden?
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

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