Die Offensive Line hat in der NFL zumeist alle Hände voll zu tun. Die Offensive Line hat in der NFL zumeist alle Hände voll zu tun. Imago Images / ZUMA Wire / Albert Pena

Das harte Brot einer NFL Offensive Line

geschrieben/veröffentlicht von/durch  10.03.2021
Jeder für sich ist schon eine menschliche Wucht, zusammen sind die fünf Mitglieder einer NFL Offensive Line ein ungefähr 700 Kilogramm schweres Bollwerk, welches in der Sportwelt seines Gleichen sucht. Sie setzen wie kaum jemand sonst Gelenke wie Gesundheit aufs Spiel und machen damit die großen offensiven Feuerwerke ihrer Teamkameraden überhaupt erst möglich. Ihr vermeintliches Schattendasein, fernab der nach Highlights gierenden Augen des durchschnittlichen Fans, haben sie alles andere als verdient. Also lassen wir die schweren Jungs einmal zu Wort kommen und einen Einblick geben in eine ganz besondere Welt!

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In den Defensive Lines der National Football League tummeln sich eine ganze Reihe "finsterer" Gesellen. Jungs, denen man nicht unbedingt in einer dunklen Gasse begegnen will und die für einen Offensivspieler schneller zum Albtraum werden können als Peyton Manning "Omaha" sagen kann. Man denke an einen Ndamukong Suh, dessen 142 Kilogramm zum größten Teil aus Wut bestehen und der Rest sind stahlharte Muskeln. Oder an einen Myles Garrett, der schwergewichtige Offensive Linemen fast genau schnell durch die Gegend schwingen kann wie Helme von Steelers-Quarterbacks. Früher gab es da mal einen gewissen Kris Jenkins, der mit Normalsterblichen das hier machen würde, falls sie je lebensmüde genug wären, sich ihm in den Weg zu stellen. Die Liste ließe sich unendlich lang fortführen mit Spielern, welche in Bezug auf den gegnerischen Angriff und seine Protagonisten nur eines im Sinn haben: Zerstören.

Und wer sich nun immer gefragt hat, was so eine Offensive Line in der NFL überhaupt genau macht, dem lässt sich sagen, dass sie im Kern genau diese "Monster" von ihren Zerstörungswut abhalten will. Und sich möchten ihre Freunde mit den niedrigeren Nummern hinter sich beschützen, koste es, was es wolle. Einfach ist das, im Angesicht der Pass Rusher des neuen Jahrtausends, keinesfalls. "Versuch mal so Jungs wie Khalil Mack, J.J. Watt oder Von Miller zu stoppen", sagt Lane Johnson, dreifacher Pro Bowler und Super Bowl Sieger mit den Philadelphia Eagles. "Von Miller wiegt 115 Kilogramm, war auf der High School in Texas State Champion im Hürdenlauf und kann sich biegen wie eine Katze. Wenn der um die Edge fliegt, dann bricht die Hölle los."

Für die Offensive Line braucht es besondere Typen

Genau das wollen Lane Johnson und seine Positionskollegen verhindern. Es braucht schon eine besondere Art von Mensch, um sich solchen sportlichen Mammutaufgaben zu stellen. Nun sind Offensive Linemen auch alles andere als "Otto Normalverbraucher", messen sie heute in der Regel doch über 1,90 Meter und wiegen nördlich von 140 Kilogramm. Left Tackles schrauben diese enormen Zahlen nochmal weiter nach oben. Schwer und kräftig heißt für einen O-Liner aber noch lange nicht behäbig und langsam. Im Gegenteil, die Schnellkraft von Giganten wie Mekhi Becton (2,01 Meter, 165 Kilogramm) oder Orlando Brown (2,01 Meter, 163 Kilogramm) ließe so manchen beim Sprint im Regen stehen und mit ihrer Balance könnten sie in der einen oder anderen Ballettklasse locker mithalten.



Einer von ihnen lief sogar schon im berühmten Pamplona mit den Stieren. Oder die Stiere mit ihm? Wie auch immer, Russell Okung (1,96 Meter, 141 Kilogramm) von den Carolina Panthers nahm an dem martialischen Schauspiel in Spanien Teil und kehrte ohne größere Blessuren in die Staaten zurück. Er weiß aber, dass es nicht nur die körperlichen Fähigkeiten sind, die Offensive Linemen für ihre schweren Aufgaben tauglich machen. "Man muss auch was im Köpfchen haben", lacht der zweifache Pro Bowler Okung. "Ich habe schon als Teenager codiert und war ein richtiger Nerd. Wenn wir uns mit der Offensive Line treffen, dann sprechen wir über Weltgeschehen, Politik und so etwas. Da fallen einem die ganzen Konzepte, die man für den Angriff in der NFL lernen muss, viel leichter."

Eine Offensive Line hat einen undankbaren Job

Protection Schemata, differenzierte Laufwege, vielseitige Spielzüge – Offensive Linemen müssen alles mental auf der Pfanne haben. Wie kein anderer Mannschaftsteil müssen sie als eine Einheit, quasi wie ein einzelner Spieler, funktionieren. Wenn die unterschiedlichen Blockaufstellungen und Zuweisungen nicht bis ins kleinste Detail stimmen, dann findet sich der eigene Quarterback ganz schnell auf dem Rücken wieder. Und der Offensive Lineman da, wo er eigentlich nicht hin will. Im Rampenlicht. "Es ist schon etwas kurios, wenn alles gut läuft, dann nimmt wirklich fast niemand von uns Notiz", so Geoff Schwartz, früherer NFL Guard für fünf verschiedene Teams. "Aber wenn wir einmal einen Fehler machen, dann sind direkt alle Augen auf uns gerichtet. Damit muss man mental erst einmal klar kommen. Damit und dass wir in der Pass Protection einen besseren Athleten aufhalten sollen, der mit Full Speed auf uns zustürmt. Das geht nicht nur physisch, man muss mental immer versuchen, einen Schritt voraus zu sein."



Dieses mentale Schachspiel kann für die smarten Riesen in der Offensive Line, die laut Tests seit jeher zu den intelligentesten Spielern in den Kadern der NFL gehören, zum interessanten Spiel im Spiel werden. Zu einer speziellen Herausforderung, welche ihnen geradezu Freude macht. "Es kann stimulierend sein", erinnert sich der frühere Chargers-Center Nick Hardwick an die Tage, an denen er versuchte, Nickel-Packages der Defense mit drei oder mehreren Cornerbacks zu entziffern. "Wenn ich mir eine Droge aussuchen müsste, wäre es Nickel, Dime, Sub-Pass-Protection. Das ist mein Zelda, mein Mario Kart oder mein Game Of Thrones. Nenn es, wie du magst, es ist meine Droge." Eine ganz andere Art des Konsums gehört für die heutigen NFL Offensive Linemen ebenfalls zum Alltag. Denn sie müssen sich nicht nur auf dem Gridiron beweisen, sondern auch am Büffettisch ihren Mann stehen.

Die besondere "Diät" der Offensive Line

Joe Thomas, in seiner legendären Karriere zehnfacher Pro Bowler für die Cleveland Browns, erinnert sich noch genau an das nächtliche Aufwachen, nur um noch einen kleinen Snack einzuwerfen und ja das anvisierte Gewicht für die Woche zu halten. "Jeden Montag ging es zum Wiegen und wenn ich auch nur ein paar Pfund verloren hatte, dann hat mir mein Coach die Hölle heiß gemacht", sagt der ehemalige Superstar Tackle. "Wenn ich zwei Stunden nichts zu essen bekam, dann hatte ich das Gefühl, ich müsste meinen Arm abreißen und den verdrücken." Ungefähr 6.000 Kalorien sind es am Tag, die NFL Offensive Linemen in sich hineinstopfen, nur um ihr Kampfgewicht bei den enormen physischen Strapazen ihres Jobs zu halten. Das ist in etwa drei Mal so viel wie ein "normaler" Mensch. In Thomas‘ Fall bedeutete das morgens etwa acht Eier, Bacon, Würstchen, Pfannkuchen sowie eine Schüssel Haferbrei mit Erdnussbutter, mittags Massen an Pasta, Fleischbällchen, Salat plus eine Packung Kekse und abends eine Riesenpizza inklusive einer weiteren Schachtel Cookies mit Eiscreme zum Nachtisch. Zwischendurch gab es weitere Snacks wie Nüsse, Proteinshakes und dergleichen. Klingt lecker? Nur bedingt. "Es wird nach kurzer Zeit zur harten Arbeit", so der 2017 in Ruhestand gegangene Thomas. "Man entwickelt quasi eine Essstörung, die man sich dann nach der Karriere wieder abgewöhnen muss."



Genau das tun viele Offensive Linemen und durchlaufen zumeist im Anschluss an die aktiven Tage einen enormen Gewichtsverlust. So verlor zum Beispiel Marshal Yanda, ehemaliger Star-Guard der Baltimore Ravens, in den drei Monaten nach seinem Karriereende satte 30 Kilogramm in drei Monaten. Etliche andere taten es ihm gleich. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es für einen Menschen eigentlich nicht wirklich gesund ist, dieses enorme Gewicht für längere Zeit mit sich herumzutragen, ganz egal wie übermenschlich die eigenen Kräfte erscheinen mögen. So besagt eine Studie aus den 90er Jahren, dass NFL Linemen ein 52 Prozent größeres Risiko besitzen, an einer Herzerkrankung zu sterben als die reguläre Bevölkerung. Der Gewichtsverlust nach der Karriere kommt ihnen also in mehrfacher Hinsicht zugute, sagt auch Alan Faneca, ehemaliger Pro Bowl Guard der Pittsburgh Steelers und New York Jets. "Als ich so um die 15 Kilo verloren hatte, konnte ich das erste Mal mit meiner Tochter auf dem Boden spielen und hinterher ohne Schmerzen vom Boden aufstehen", so der Hall Of Famer.

Offensive Linemen sind eine eingeschworene Gemeinschaft

Die körperlichen Belastungen im harten Infight mit den Verteidigern tun ihr Übriges. Es gleicht einer Kampfsportart, bei dem vieles erlaubt ist und die Kontrahenten beide im absoluten Superschwergewicht zu verordnen sind. Gebrochene Finger, Stauchungen, Gelenksschmerzen, Prellungen, Kratzer und blutende Wunden – vieles wird kaum mehr wahrgenommen. Ein alter Offensive Line Spruch besagt dabei, dass "deine Füße dich in den Kampf bringen, deine Hände ihn dir aber gewinnen". Terron Armstead, Pro Bowl Left Tackle der New Orleans Saints, sieht das ähnlich. "Ganz egal, wie schnell oder athletisch du bist, du musst deine Hände richtig einsetzen können", so der 29-Jährige Blindside Protector. "Das sieht man auch in der Defensive Line. Die Jungs, die vom College am schnellsten in der Liga Fuß fassen, wissen alle, ihre Hände zu gebrauchen." Hierbei gibt es reihenweise Feinheiten, welche die Offensive Linemen von heute gerne miteinander teilen.



Lane Johnson schloss sich 2018 mit Offensive Line Coach Duke Manyweather zusammen und berief den ersten OL Masterminds Summit ein, die Antwort der NFL Offensive Linemen auf Von Millers ähnlichen Pass Rush Summit. Beim alljährlichen O-Line-Gipfel treffen sich die schweren Jungs, die Quarterbacks, Runningbacks und Receiver beschützen sollen, und arbeiten gemeinsam an ihren Fähigkeiten. "Unser Job ist es, sehr wertvolle Menschen zu beschützen", lächelt Lane Johnson, dessen Summit in diesem Jahr in die vierte Runde gehen soll. "Keiner außerhalb des Offensive Line Meeting Rooms kann verstehen, was das wirklich bedeutet und wie sich unser Job darstellt. Wir wollten also möglichst viele Gleichgesinnte in einen Raum bringen und fanden, der Summit wäre dafür eine ganz gute Idee."

Es ist auf jeden Fall eine bessere Idee, als sich ohne Vorbereitung jemandem wie Ndamukong Suh oder J.J. Watt in den Weg zu stellen. Was etwas ist, das eh nur eine ganz kleine Anzahl an ganz besonderen Individuen tun kann, vor denen man so oder so den Hut ziehen muss…
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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