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Andrew Whitworth, die NFL und ein Hauch von Menschlichkeit

Ein Gewinner im Super Bowl, ein Gewinner im Leben: Andrew Whitworth von den Los Angeles Rams. Ein Gewinner im Super Bowl, ein Gewinner im Leben: Andrew Whitworth von den Los Angeles Rams. Imago Images / Icon SMI / Brian Rothmuller
Super Bowl LVI ist vorüber, das Konfetti weggefegt, letzte Strahlen der grellen Lichter scheinen nach. Inmitten des enormen Spektakels trug ein Mann das Trikot der Los Angeles Rams, der auf den ersten Blick nicht zu diesem ausufernden Show-Event passt, sei es in seiner Erscheinung oder in seiner Bodenständigkeit. In Wirklichkeit ist Andrew Whitworth aber nicht nur ein großer Teil jenes Endspiels gewesen, er und andere seines Schlags sind auch ein großer Teil der NFL. Denn neben all der Show, dem Glamour, den harten Hits und den Superlativen sind es am Ende doch die Menschen, die einen gehörigen Part der Faszination ausmachen!



Super Bowl LVI wird wie viele andere Endspiele auch reihenweise Bilder in den Köpfen der Menschen hinterlassen. Es werden Momentaufnahmen von besonderen Augenblicken sein, welche die Geschichte vom Triumph der Los Angeles Rams, von der Niederlage der Cincinnati Bengals oder vom großen Spektakel auf sowie neben dem Feld erzählen. Da wird Aaron Donald sein, wie er auf seinen bald von einem Meisterschaftsring vergoldeten Finger zeigt, da ist der monumentale Catch von Cooper Kupp, welcher das Spiel entscheidet, dort wird auch das schmerzverzerrte Gesicht von Joe Burrow sein. Natürlich dürften auch die Stars und Sternchen am Spielfeldrand ihren Weg in jegliche Zusammenschnitte für die Nachwelt finden, so wie es sich für die Glitzerwelt von Hollywood gehört, die jene große Chance natürlich nicht verpasst, sich im eigenen Wohlgefallen zu inszenieren. Aber da wird noch ein anderes Bild bleiben, ein vermeintlich unbedeutendes weil so unschuldiges. Es zeigt ein kleines Mädchen namens Katherine, sie ist gerade einmal sieben Jahre alt. Trotz eines dramatischen Spiels direkt vor ihren Augen ist die Kleine vollends in ihr Buch vertieft, als die Fernsehkamera sie für einen Moment einfängt. Dabei spielt ihr eigener Vater gerade das Spiel seines Lebens.

Andrew Whitworth ist Walter Payton Man Of The Year

Die Rede ist von Andrew Whitworths Tochter, von einem seiner vier Kinder. Dank sozialer Medien schafft sie es schon ein paar Male um den Globus, wird zur kleinen Heldin in einer der hunderten von Anekdoten, welche sich im Siegestaumel der Los Angeles Rams fast ganz von selbst erzählen. Irgendwie ist der Schnappschuss eines Kindes beim Kind sein, was alleine schon ein zeitloses Gemälde für sich ist, aber in diesem Fall mehr, steht er doch wie ein gewisses Symbol für den Herrn Papa. Denn Andrew Whitworth ist in seinem fortgeschrittenen Footballer-Alter von 40 Jahren eben auch nicht nur der überragende Left Tackle, der Matthew Staffords Blind Side beschützt, jener, der sich nun nebst National Champion auch Super Bowl Gewinner rufen darf. Er ist auch Walter Payton Man Of The Year, der NFL-Spieler, der sich ganz besonders verdient um seine Community gemacht hat, und er ist fürsorglicher Familienvater. Guter Freund, weiser Mentor. Ein Mensch.



Im American Football ist es nicht selten schwer, in jene zweite oder dritte Dimension der hartgesottenen Gridiron-Helden vorzudringen, verbergen die Helme dieser modernen Gladiatoren doch schon oft jegliche einzigartigen Gesichtszüge, welche viel von der Individualität einer Person ausmachen. Das hochstrategische, bis in letzte Details hinein strukturierte Spiel übernimmt den Rest, macht Männer zeitweise zu Maschinen, wenn sie nicht gerade unerreichbare Akrobaten in einem Schauspiel sind, das für Normalsterbliche nur selten in all seiner Genialität greifbar ist. Das dabei durch Fernsehen, Medien und Liga ganz besonders hell scheinende Licht, in welchem sich zumeist nur eine kleine Anzahl an großen Namen sonnt, hinterlässt ein großes Dunkel an Obskurität, in welcher sich etliche Sportler verlieren. Dabei sind nicht selten genau sie es, welche ihre Mannschaft, ihre Nebenleute und auch ein stückweit die Liga auf ihren Schultern tragen.

Das Hollywood der NFL braucht auch Charakterdarsteller

Es sind nicht nur die maskenlosen Celebrities, die sich trotz Maskenverordnungen in kalifornischen Schulen auf den Rängen des SoFi Stadiums selber feiern, es sind nicht nur die Quarterbacks, deren Namen in jedem Bericht erwähnt werden, es ist nicht bloß der verletzte Receiver, dessen bitteres Schicksal Aufmerksamkeit auf sich vereint oder so manche Fremdscham induzierende Umarmung mit dem großen Roger. Nein, es ist auch und vor allem jemand wie Andrew Whitworth, der einen viel größeren Teil der Geschichte ausmacht, als es ihn seine Bescheidenheit jemals selbst behaupten lassen würde.



Wer genau wissen will, worum es sich dabei handelt, der muss nur seine Dankesrede für den Walter Payton Award hören. Er ist ein Mann, bei dem noch in die letzten Millimetern seiner 2,01 Meter und noch in der letzten Unze seiner 150 Kilogramm Gemeinsinn stecken, dessen Foundations in Louisiana, Ohio und in L.A. unterschiedlichste Generationen auf unterschiedlichste Weise unterstützt haben. In seiner südlichen Heimat erlebte er den Schock von Hurricane Katrina aus nächster Nähe und es pflanzte sich damals ein Samen des Gebens in ihm, welchen er heute noch wie eine ganz junge, zerbrechliche Pflanze pflegt. Sein Respekt für Spiel, Mitspieler und Gegner ist grenzenlos, väterlich nahm er Joe Burrow in dessen Reha unter seine Fittiche und entwickelte sich wo immer er auch war zu einem Kapitän unter etlichen großen Seeleuten.

Andrew Whitworth krönt mit 40 Jahren seine Karriere

Was genau seine Tochter damit zu tun hat? Das Lächeln in "Big Whits" Gesicht, wenn er über sie spricht, ist ein Indiz dafür. Sie, seine anderen Kinder und seine Frau, die er zuletzt vehement im Internet gegen Anfeindungen aus dem Lager eines Divisionsrivalen verteidigte, stehen für das, was er neben seinem exorbitantem sportlichen Talent noch ist, nämlich ein fürsorglicher Familienvater. Jemand, der Kinder in den Kindergarten bringt, Schulaufgaben löst oder Eis essen geht. Ein Mann, der mit seinem grauen Bart, den haarigen Oberarmen und der Milde in seinem Blick vielleicht sogar viel mehr an jenes normale Bild eines 40-Jährigen erinnert als an das, welches Spielszenen mitsamt all ihrer Brutalität Sonntag für Sonntag transportieren. Am Ende ist Andrew Whitworth aber beides, wofür nicht zuletzt die Los Angeles Rams ganz besonders dankbar sind.

In der manchmal verzerrten Wahrnehmung der NFL geraten Werte oft in den Hintergrund, was nicht zuletzt bei einem Megaevent wie dem Super Bowl manchmal leider am deutlichsten zu spüren ist. Ja, diese Liga ist ein Sammelbecken der großen Stars, der Diamanten, des Spektakels, der hellen Lichter, sie ist all das und noch mehr, wofür wir sie ja auch so lieben. Nur sie ist eben auch und gerade Andrew Whitworth. Sie ist jemand, dem zuletzt ein unbekannter Rookie der Detroit Lions namens Derrick Barnes nach einem Spiel in die Arme läuft und sich bei ihm bedankt für die Worte, die er ihm als Teenager bei einem Football-Camp mit auf den Weg gab. Dafür, dass er sein Leben verändert hat, ihn berührt hat. Sie ist jemand, der den Sinn des Wortes Vorbild und seine eigene Verantwortung in jener bis ins letzte Detail durchdrungen hat. Als Vater, als Leader, als ganz normaler Typ.

Als ein Mensch eben, als einer von all den hunderten, die diese Liga ausmachen.
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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