Duell 1997: London Monarchs (l.) und Düsseldorf Rhein Fire Duell 1997: London Monarchs (l.) und Düsseldorf Rhein Fire IMAGO / Kolvenbach

Replay: Als die NFL Europa eroberte

geschrieben/veröffentlicht von/durch  10.04.2021
“Wir, die Fans, wir waren die NFL Europa“, so stand es auf einer Traueranzeige, die unter der Firmierung Playertracker.de auf den 29. Juni 2007 datiert ist und auf die man stoßen konnte, wenn man im Internet in den gängigen Suchmaschinen nach der NFL Europe suchte. Worte, die vielleicht am besten beschreiben, dass mit dem Ende des europäischen Ablegers der National Football League vor 14 Jahren mehr als nur irgendein Wettbewerb aus dem Kalender gewichen ist.

Mit der NFL Europa, die die längste Zeit ihres Bestehens als NFL Europe bekannt war und bei ihrer Gründung World League of American Football hieß, wurden auch die in Deutschland beheimateten Teams Frankfurt Galaxy, Rhein Fire, Berlin Thunder, Cologne Centurions und die Hamburg Sea Devils zu Grabe getragen. Dabei war der Wettbewerb hierzulande ein echter Zuschauermagnet, lockte regelmäßig mehr Zuschauer in die Stadien als so mancher Fußball-Bundesligist und als die meisten Zweitligisten. Doch mit den Plänen zur International Series, bei der ab 2007 zwei “echte“ NFL-Teams auf europäischem Boden regelmäßig zu Spielen der Regular Season aufeinandertreffen sollten, wurde die von den NFL-Machern subventionierte Liga für die Marketing-Strategen aus Übersee obsolet.

Dabei muss man die Kultur des Amerikaners verstehen, der mit dem Hire-and-Fire-Prinzip aufwächst und für den der Umzug ganzer Mannschaften von der einen in eine andere Stadt nichts Außergewöhnliches darstellt, während “der Deutsche“ an Vereinskultur, Identifikation und Mitbestimmung gewöhnt ist. Den Amerikanern ging so ein Einschnitt leicht von der Hand, in Mitteleuropa hinterließ er hingegen tiefe Wunden.

Gründung 1991

Ursprünglich war die Liga 1991 gegründet worden, um neue Märkte zu erschließen und Talenten wie Reservisten außerhalb des traditionellen NFL-Kalenders Spielpraxis zu geben. Ein Prinzip, das in seinen Anfangsjahren unter dem Namen der World League of American Football (WLAF) bestens funktionierte – in Europa. Dort wurden die Teams der Frankfurt Galaxy, London Monarchs und Barcelona Dragons mit offenen Armen empfangen, während die sechs Teams, die in den USA beheimatet waren, von Beginn an mit der Akzeptanz der US-Amerikaner zu kämpfen hatten.

Erschwerend kam hinzu, dass die europäischen Teams bei der Zuteilung der Spieler durch die NFL zunächst mit den besseren Spielern bedacht worden waren. Man wollte schließlich den europäischen Markt erobern und brauchte auf dem alten Kontinent erfolgreiche Teams. Dass die US-Teams, die von Montreal Machine aus Kanada ergänzt wurden, den europäischen Teams weit unterlegen waren, führte aber dazu, dass die WLAF in den Staaten kein Bein auf den Boden bekam. Der erste World Bowl wurde dann auch in einem rein europäischen Endspiel zwischen den London Monarchs und den Barcelona Dragons ausgetragen, die sich im Finale den Briten allerdings geschlagen geben mussten. Dieses “Fehlergebnis“ versuchte die Liga 1992 zu korrigieren und verteilte die besten Spieler zum Vorteil der amerikanischen Teams. Dass World Bowl II dann zwischen Sacramento Surge und Orlando Thunder ein US-Duell war, änderte aber nichts am fehlenden Zuspruch auf dem Heimatkontinent des Sportes. Die Folge: Die NFL stampfte ihren Ableger vorerst ein und arbeitete ein neues Konzept aus, das dann 1995 erneut an den Start ging.

Restart mit neuem Konzept

Das neue Konzept beinhaltete den Verzicht auf US-Teams und legte den Fokus mehr auf US-Nachwuchsspieler sowie “Nationals“, also einheimische Spieler der jeweiligen Teams. So sollte mehr Bindung und Identifikation entstehen – und das gelang. Die Amsterdam Admirals, die Scottish Claymores und Düsseldorf Rhein Fire, kurz nur Rhein Fire genannt, stießen zu den Monarchs, Dragons und der Galaxy hinzu. Zwar gelang es den Teams nicht, an den Zuschauerschnitt der ersten Jahre anzuknüpfen - was vor allem am Argwohn der europäischen Zuschauer lag, sich erneut oder neu für ein Team zu engagieren, bei dem nicht sicher sein konnte, ob die NFL nach zwei Jahren erneut den Stecker ziehen würde, doch hinderte das die Liga nicht, zu einem Erfolgsmodell zu wachsen.

Zu der wachsenden Popularität trugen auch Ex-Fußballer wie Manfred Burgsmüller bei Rhein Fire oder Rob Hart bei den Claymores und später Axel Kruse bei Berlin Thunder bei, die im Fußball-Rentenalter als Kicker in der NFL Europe, wie die Liga ab 1998 dann hieß, Erfolge feierten. So hat Burgsmüller, der 2019 im Alter von nur 69 Jahren viel zu früh verstarb, zum Beispiel zwei World-Bowl-Titel als American-Football-Spieler in seiner Vita neben dem Deutschen-Meister-Titel mit Werder Bremen im Fußball stehen.

Hippler schafft den Sprung

Spätestens als Kurt Warner am 30. Januar 2000 mit den St. Louis Rams den Super Bowl gewann, nachdem er sich nur eine Saison zuvor noch über die Amsterdam Admirals für die NFL zu empfehlen hatte, wurde die NFL Europe auch den Ruf los, dass eh nur die zweite Geige nach Europa geschickt werden würde und es von denen sowieso keiner mehr in der NFL zu etwas bringt. Warner trat den Gegenbeweis an, wurde an jenem Januar-Abend obendrein noch zum Super-Bowl-MVP gekürt. Und auch Deutsche schafften den Sprung in die beste Liga der Welt. Frankfurt Galaxy, San Diego Chargers, Detroit Lions war der Weg von Tight End Werner Hippler. Offensive Liner Tom Nütten, US-Bürger mit deutscher Mutter, schaffte es zunächst bei den Buffalo Bills nicht, ging dann zu den Amsterdam Admirals, ehe er gemeinsam mit Warner und den Rams den Super Bowl holte.

Zeitgleich erlangten Frankfurt Galaxy und Rhein Fire bei ihren Anhängern Kultstatus und nach und nach wurde klar, dass der Standort Deutschland für die NFL-Tochter am besten funktionierte. Die London Monarchs zogen 1999 nach Berlin um und waren wenig später als Berlin Thunder erfolgreich. 2004 wurden die Cologne Centurions als Nachfolger der Barcelona Dragons gegründet und ein Jahr später zogen die Hamburg Sea Devils in die Liga ein und ersetzten die Scottish Claymores. Einzig die Amsterdam Admirals trotzten dem Trend und blieben als einzige nicht in Deutschland beheimatete Mannschaft dem Wettbewerb erhalten. Dabei standen die Bewerber in Deutschland für mögliche weitere Standorte Schlange. Schließlich ging es darum, die für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 errichteten Stadien möglichst mit einer weiteren Mannschaft, neben dem jeweils örtlich beheimateten Fußball-Verein, zu füllen. Eine NFL Germany, eine Football-Profiliga in Deutschland, war greifbar – doch dann kam das jähe Ende. An jenem 29. Juni 2007 wurde die Liga mit sofortiger Wirkung aufgelöst und machte Platz für die International Series.

Renaissance der alten Teams?

Mit der Liga gingen auch die Lichter in Amsterdam, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und Köln aus. Einzig in der Stadt am Main wurde daraufhin die historische Chance ergriffen, aus dem Scherbenhaufen der Galaxy mit all ihren treuen Fans etwas neues Entstehen zu lassen. Es waren am Ende 13 Fans des NFL-Europa-Teams, die den AFC Universe Frankfurt gründeten und an Team-Farben und Logo nahezu festhielten. In der German Football League angekommen, zog die Universe bei Football-Veranstaltungen bundesweit noch immer die meisten Zuschauer ins Stadion. Während die Chance an den anderen Standorten verpasst wurde, wurde in Frankfurt der Mythos Galaxy so noch immer gelebt.

Mit der Gründung der European League of Football, kurz ELF, unter Commissioner Patrick Esume, erleben die alten Teams nun ihre Renaissance. Die Galaxy geht in diesem Sommer ebenso in der neuen Liga an den Start, wie Berlin Thunder, die Cologne Centurions und die Hamburg Sea Devils. Der spanische Teilnehmer aus Barcelona, ursprünglich als Gladiators gegründet, trägt wieder den Namen “Dragons“. Komplettiert wird die Liga – Stand jetzt – mit den Leipzig Kings, den Wroclaw Panthers aus Polen und einem Team aus Stuttgart, das seinen Namen in Kürze bekannt geben will.

Anmerkung: In unserer Rubrik "Replay" blicken wir auf frühere Artikel unserer Print-Ausgaben zurück. Gefallen Dir die Artikel und willst Du sie direkt bei Veröffentlichung lesen, dann schau doch in unseren Online-Shop und hole Dir das aktuelle Magazin oder gleich ein kostengünstiges Abo.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

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