Vor Corona: Die Diamonds laufen ins Stadion ein Vor Corona: Die Diamonds laufen ins Stadion ein Patrick Gawlik

Darmstadt Diamonds – Hauptsache Football, Hauptsache Spaß

geschrieben/veröffentlicht von/durch  18.02.2021
In den Planungen der GFL2 spielen die Darmstadt Diamonds 2021 keine Rolle. Oder ist es andersrum treffender formuliert? Die GFL2 spielt im Verein aktuell keine Rolle. Sportlich qualifiziert, haben sich die Hessen aus der zweithöchsten deutschen Spielklasse freiwillig zurückgezogen. TOUCHDOWN24 hat mit Volker Herrmann, dem Abteilungsleiter Football, über den Stand bei den Diamonds gesprochen.

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TOUCHDOWN24: Hallo Herr Herrmann, was waren die Gründe für den Rückzug der Darmstadt Diamonds aus der GFL2?

Volker Herrmann: Es war eine Mischung aus vielen Gründen. 2019 war sportlich okay, wir haben die Liga gehalten. Allerdings wollte das damalige Trainerteam mehr und hat eine ziemliche Wunschliste für Spieler-Zukäufe hingelegt. Das war schlichtweg nicht finanzierbar. Wir standen also vor der Entscheidung, mit Ach und Krach eine GFL2-Saison zu finanzieren, die sportlich wahrscheinlich wenig ambitioniert verlaufen wäre, oder uns für einen Neuanfang zu entscheiden und unsere sportlichen Ansprüche an unsere finanziellen Mittel anzupassen.

TOUCHDOWN24: Wie lange ist die Entscheidung im Verein gereift?

Herrmann: 2020 wollten wir trotzdem alle Mittel mobilisieren und GFL2 spielen. Dann kam aber Corona und sämtliche Planungen waren dahin. Um schnellstmöglich Planungssicherheit über das Jahr zu erlangen, haben wir auch frühzeitig alle Teams aus einem etwaigen Spielbetrieb zurückgezogen. Auch unsere Spieler haben darauf gedrängt, da sie natürlich auch wissen wollten, wie sie ihren Sommerurlaub, sofern überhaupt möglich, planen können. Zudem haben auch einige Spieler erklärt, dass sie während der Pandemie nicht spielen wollen, da sie das Risiko einer Ansteckung nicht eingehen wollten. Der sportliche Wert hätte sich da auch in Grenzen gehalten. Das Geld für die Lizenzgebühren war allerdings weg, die Saison dann auch. Und so mussten wir einen neuen strategischen Ansatz wählen. Der Kostenunterschied zwischen GFL2 und Regionalliga ist nämlich enorm.

TOUCHDOWN24: Wie ist denn der Stand bei den gezahlten Lizenzgebühren für die ausgefallene GFL2-Saison?

Herrmann: So klar kann man das nicht sagen. Der Verband kann natürlich nicht alles zurücküberweisen, da sie auch laufende Kosten haben, dafür habe ich Verständnis. Das Geld soll nun angerechnet werden, allerdings nur, wenn wir GFL2 spielen würden. Ich weiß nicht, ob wir davon zu einem späteren Zeitpunkt noch profitieren, wenn wir nochmal GFL2 spielen sollten.

"Wir haben für 2021 eine sehr konservative Planung"

TOUCHDOWN24: Sie hatten eben den strategischen Ansatz angesprochen. Wie sieht dieser aus?

Herrmann: Wir haben für 2021 eine sehr konservative Planung. Das allerwichtigste ist mir, dass wir wieder in einen geordneten Trainingsbetrieb kommen. Dass die Jungs aller Altersklassen wieder regelmäßig mit ihren Freunden und Kumpels arbeiten und spielen können. Der Spielbetrieb allein ist da nicht entscheidend. Wir können dieses Jahr auch mit Freundschaftsspielen oder Scrimmages überbrücken.

TOUCHDOWN24: Was heißt das konkret?

Herrmann: Konkret wollen wir das Jahr dazu nutzen, um unsere aufgerückten Jugendspieler und Quereinsteiger an den Sport beziehungsweise das sportliche Niveau in der Regionalliga heranzuführen, um dann 2022, wenn es hoffentlich wieder eine normale Saison geben wird, ein solides Regionalligateam zu stellen. Die Ausbildung unserer Spieler ist uns enorm wichtig.


TOUCHDOWN24: Das heißt “Erfolg nicht um jeden Preis“ - wie sieht die Planung in Sachen “Importspieler“ aus?

Herrmann: Wir planen definitiv ohne Imports. Dafür möchte ich unser Budget auch gar nicht ausgeben, das trägt auch unser neues Trainerteam um Head Coach Simon Daum komplett mit. Uns ist wichtiger, Geld in die Ausbildung unserer Spieler zu investieren, sei es durch verbessertes Trainings-Eqipment oder durch vereinseigene Ausrüstung, die man neuen Spielern zur Verfügung stellen kann. So, dass nicht jeder Neuling gleich mehrere hundert Euro in Helm und Pads investieren muss, ehe er weiß, ob er langfristig dabei bleibt.

TOUCHDOWN24: Sie schließen Importspieler auch bei einer sportlichen Talfahrt komplett aus?

Herrmann: Es gibt ja zwei Ansätze. Der eine ist, dass man möglichst viele Importspieler verpflichtet, um schnellstmöglich den größtmöglichen sportlichen Erfolg zu haben. Dabei muss man aber auch bedenken, dass wir eigene Spieler dadurch verlieren, wenn sie den ganzen Winter durch trainieren und dann einen Import kurz vor Saisonstart vor die Nase gesetzt bekommen. Es ist auch unsere Philosophie, dass wer in der Offseason gut trainiert, auch den Anspruch hat, zu spielen. Da gilt der Spruch von einem unserer Spieler: “Hauptsache Football, Hauptsache Spaß, erstmal egal in welcher Liga.“ Anders sehe ich es, wenn man beispielsweise auf Verletzungen reagiert und dann “der eine Spieler“ fehlt. Als Beispiel, dass beide Quarterbacks langfristig ausfallen. Dann wäre ich natürlich bereit diese Position auch mit einem Import zu besetzen, um die Mannschaft nicht um ihren gerechtfertigten Erfolg zu bringen.

"Unsere U19 gehört in die höchste Junioren-Spielklasse"

TOUCHDOWN24: Die U19 der Diamonds gehört ja schon fast zum Inventar der GFL Juniors. Da passt die Priorität der Ausbildung junger Spieler ja genau.

Herrmann: Richtig! Wir wollen möglichst viele Spieler gut ausgebildet in den Senioren-Bereich bringen, daher gehört unsere U19 auch einfach in die höchste Junioren-Spielklasse. Und dann freuen wir uns, wenn sie unsere Herren-Mannschaft verstärken oder anderswo höherklassig spielen können. Wir haben etliche ehemalige Jugendspieler in der GFL rumlaufen und das macht uns stolz und spricht für unsere Jugendarbeit. Wir leben hier auch nunmal in einem Football-Bermuda-Dreieck mit Wiesbaden, Frankfurt und Darmstadt, letztendlich auch Marburg.

TOUCHDOWN24: Sie ärgern sich dann gar nicht, wenn die Spieler abwandern?

Herrmann: Natürlich freue ich mich über Spieler, die Vereinstreue leben. Diese Spieler brauchen wir auch. Aber wer weiter oben spielen kann und eine wirkliche Perspektive hat, in der GFL auch zu spielen und nicht nur den Kader aufzufüllen, der hat meine volle Unterstützung. Mich ärgert eher, wenn uns Jugendspieler abgeworben werden, weil ein anderer Verein ihnen die Sportschuhe bezahlt. Da sehe ich es auch eher kritisch, wenn Jugendliche mehrmals pro Woche dann weitere Zugfahrstrecken in Kauf nehmen. Aber da sind dann auch die Eltern gefordert. Zumal wir auch immer wieder tolle Trainings-Konzepte haben. So haben vor dem Lockdown die Mannschaften ab der U16 mit den Senioren trainiert. Das waren mit die schönsten Trainingseinheiten, an die ich mich erinnern kann. Erfahrung ist im Football wichtig und unsere Seniors haben eine Menge davon und sind gerne bereit sie weiterzugeben. Wenn so ein junger Bengel dann auch mal einen gestandenen Senior auf dem Platz vernascht hat, war das für alle ein umso größerer Ansporn.



TOUCHDOWN24:
Sie haben kürzlich einen ihrer U19-Spieler an ein US-College verloren. Ist das nochmal ein Extra-Aushängeschild ihrer starken Jugendarbeit?

Herrmann: Wenn unsere Jugendspieler so gut sind, dass sie ein Stipendium in den USA erhalten, ist das ein Riesenerfolg für uns. Ja, Danijel Miletic ist jetzt an der Virginia Tech University. Er hat bei uns Offensive Tackle gespielt, wird dort aber als Guard ausgebildet, da er auf der Position bessere Chancen hat, in den Profibereich zu kommen. Wir drücken ihm natürlich die Daumen, dass er es in die NFL schafft. Er ist übrigens schon der zweite Spieler aus unserer Jugend, der in der jüngeren Vergangenheit den Sprung in die USA geschafft hat. Der erste war Miles Zietek, ebenfalls Offensive Lineman, jetzt an der Temple University.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

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