Jähes Ende einer erfolgreichen Kaperfahrt: die Elmshorn Fighting Pirates Jähes Ende einer erfolgreichen Kaperfahrt: die Elmshorn Fighting Pirates All-About-Football.de

Wind of change: Pirates streichen die Segel

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Dirk Kaiser 02.01.2021
Zwischen den Folgen der Corona-Pandemie und dem Emporkommen einer neuen Konkurrenz aus der frisch gegründeten European League of Football (ELF) haben sich die Elmshorn Fighting Pirates zu einem radikalen Schritt entschlossen: Landesliga statt GFL.
Die Gründe für den Rückzug des GFL-Aufsteigers der Saison 2019 sind dabei nachvollziehbar. "Wir haben beschlossen, nicht in der GFL 1 anzutreten. Es ist uns in der Kürze der Zeit und unter diesen Rahmenbedingungen leider nicht gelungen, eine finanziell solide Grundlage für Erstliga-Football in Elmshorn zu schaffen. Und dann ist es einfach sinnvoller, nicht anzutreten“, sagt Head Coach Jörn Maier auf der Vereins-Homepage.

Maier gilt nach sechs Spielzeiten als Cheftrainer der Nordlichter als einer der Väter des Erfolgs der letzten Jahre, der mit vielen Aufstiegen einherging. Eigentlich hätte der Weg in einer GFL-Saison 2020 seinen vorläufigen Höhepunkt finden sollen - doch dann kam die Pandemie, Streit etlicher Vereine mit dem deutschen Football-Dachverband AFVD aufgrund dessen Corona-Politik und plötzlich stand die Ankündigung einer Profiliga, der ELF, mit einem Standort in Hamburg im Raum.

In der Elb-Metropole soll ein Team mit einem Budget von 750.000 Euro aufgebaut werden, in Elmshorn waren zum Jahresende lediglich 350.000 Euro für eine etwaige GFL-Saison gesichert. "Wir haben zwar viele neue Sponsoren gewinnen können, aber es haben noch mindestens 150.000 Euro im Etat gefehlt", sagt Pirates-Geschäftsführer Herwig Eggerstedt. Als Folge lösten die Pirates ihre erste Mannschaft auf und werden mit ihrer zweiten Mannschaft auf Landesliga-Niveau neu anfangen, schmerzhaft für Verein und Fans. Zudem ohne Erfolgstrainer Maier, der sich eine Football-Pause gönnen will - und ohne Patrick Esume, der für 2020 zum Trainerteam der Pirates hinzugestoßen war - die Ambitionen waren enorm.

Der aus dem Fernsehen bekannte Esume fungiert stattdessen als Commissioner der ELF, eine Liga, die in Deutschland derzeit mit gemischten Gefühlen aufgenommen wird. Ein Teil der Football-Fans hierzulande wähnt sich bereits an alte NFL-Europe-Zeiten erinnert, hofft auf volle Stadien, tolle Stimmung und Top-Football. Allerdings fungieren die acht Teams der ELF als Franchises ohne den Unterbau der Jugend-Ausbildung. Sie unterhalten lediglich eine erste Mannschaft. Das führt in den Vereinen, die dem AFVD unterstehen, zu Unmut, wird doch befürchtet, dass die AFVD-Vereine als Ausbildungsklubs der ELF verkommen könnten. Ausbildung ja, doch werden die im AFVD organisierten Vereine die Früchte ihrer Arbeit in ihren Seniorenteams nicht mehr ernten können, so die Befürchtung.

Eine berechtigte Sorge? Womöglich! Sollte sich die ELF mittelfristig tatsächlich zu einer professionellen Liga entwickeln können, Sponsoren wie Zuschauer anziehen, und wahrhaftig auch jedem Spieler im Roster zumindest ein Teilzeit-Einkommen zukommen lassen können, wird es die Top-Spieler aus den deutschen Vereinen in die ELF ziehen. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, zunächst gilt es aufgrund selbsteingeschränkter Ausländer-Beschränkungen ein Spielniveau auf GFL-Stärke zu erreichen, um sich dann sukzessive weiterzuentwickeln.

Die GFL wird in der Zwischenzeit um ihren Wert kämpfen müssen. Neben Elmshorn haben auch schon die Ingolstadt Dukes und Hildesheim Invaders ihr Team zugunsten eines ELF-Engagements zurückgezogen. Andere GFL-Teams haben indes mit neuer Konkurrenz in der eigenen Stadt oder angrenzender Umgebung zu kämpfen. In Berlin und Frankfurt gibt es ELF-Franchises, den Rebels und der Universe droht der Verlust ihrer Topspieler, ähnlich könnte es auch den New Yorker Lions Braunschweig oder den Marburg Mercenaries aufgrund ihrer geographischen Nähe zu ELF-Teams sowie vielen weiteren Vereinen ergehen.

Zudem leidet die GFL unter einem aktuellen Machtkampf des Verbandes. Der angeschlagene AFVD-Präsident Robert Huber sieht sich nach über zwei Dekaden einer Palastrevolution gegenüber. Unter der Initiative "Restart21" drängt der bestens vernetzte Alexander Sperber an die Macht. Da wirken Nachrichten wie die Reinstallierung der deutschen Nationalmannschaft wie eine Panikreaktion unter der Federführung des aktuellen Präsidiums. Nach und nach wurden die dem AFVD angelasteten Kritikpunkte in den letzten Monaten angegangen, was auch gut und in vielen Fällen längst überfällig war, doch wird es die Gemüter noch rechtzeitig beruhigen, um den Machterhalt des aktuellen Präsidiums zu sichern?

Eins ist klar: Football-Deutschland stehen auf und neben dem Platz spannende Zeiten bevor. Ob sich die ELF etablieren kann? Ein langer und schwieriger Weg! Ob Huber oder Sperber den AFVD zukunftsfähig machen können? Ungewiss! Langfristig ist es aber gut, dass sich in Deutschland etwas tut. Konkurrenz belebt auch im deutschen Football das Geschäft und viel zu lange durfte die Führungsebene als Alleinunterhalter fungieren. Leider sind aber auch kurzfristig erste Opfer zu verzeichnen, wie das Beispiel Elmshorn Fighting Pirates beweist.

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 43 - MAR 2021 Noch 89 vorhanden Zum Produkt


TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden