"Rechtlich ambitioniert" - Sportrechts-Experte zu Haftungsfreistellung des AFVD Winheller

"Rechtlich ambitioniert" - Sportrechts-Experte zu Haftungsfreistellung des AFVD

geschrieben/veröffentlicht von/durch  24.06.2020
In der GFL und der GFL2 wird weiterhin heiß über die Frage “Saisonbeginn: ja oder nein?“ diskutiert. Dabei stören sich zahlreiche Vereine an der Haftungsfreistellung des AFVD. Wir haben daher ein Interview mit Dr. Thomas Dehesselles, Fachanwalt für Sportrecht bei Winheller, geführt. Er erklärt die aktuellen Probleme für Vereine und Verbände und schätzt die Haftungsfreistellung des Verbandes ein.
TOUCHDOWN24: Hallo Herr Dr. Dehesselles, Sie sind wahrscheinlich gerade ein viel beschäftigter Mann. Merken Sie, dass es aufgrund des Corona-Virus mehr Anfragen bezüglich einer Rechtsberatung von Sportvereinen und -verbänden gibt?

Dr. Thomas Dehesselles: Das trifft nicht nur auf Vereine und Verbände zu. (lacht) Es ist aber schon so, dass wir an allen Ecken und Enden über Finanzierungsthemen nachdenken. Dafür steht das andere Geschäft, was strukturelle oder operative Fragen angeht, bei Vereinen, die nicht spielen wollen oder können, hintenan.

TOUCHDOWN24: Einige Verbände haben die laufende Saison komplett beendet, während andere Verbände sich für Konzepte vor leeren Rängen entschieden haben. Wie regeln Verbände und deren Vereine eine Verschiebung/Verkürzung der Liga?

Dr. Dehesselles: Genau. Das ist momentan die Kernfrage. Die Frage, Abbruch oder nicht, kann man noch relativ einfach beantworten. Schwieriger ist die Folgefrage der Wertung. Ich kann beispielsweise in den Amateurklassen noch relativ einfach abbrechen lassen. Das muss man einfach so sagen. Wer sozusagen aus Hobby seinen Sport betreibt und es aufgrund der behördlichen Einschränkungen nicht darf, da habe ich jetzt als Ligaverantwortlicher wenig Stress zu sagen: “Wenn es mir die Behörde nicht erlaubt, was soll ich dann anders machen? Dann wird halt nicht gespielt.“ Die Folgefrage ist dann, welche Tabelle gilt dann. Annulliere ich die Saison, nehme ich die Tabelle wie sie gerade so steht und liegt oder nehme ich irgendwas dazwischen?

TOUCHDOWN24: Und wie sähe das Ganze dann im Profibereich aus? Das ist ja was anderes, schließlich verdienen die Spieler ja ihr Geld damit.

Dr. Dehesselles: Genau. Da sind wir dann nicht nur im Sportrecht, sondern auch gleichzeitig im Unternehmensrecht, wo es auch ganz andere wirtschaftliche Auswirkungen gibt. Was will ein Kreisliga B Club im Fußball sagen, welcher Schaden ihm entsteht, wenn er nicht spielt? Ganz im Gegenteil. Da spart man sich Kosten wie Schiedsrichterkosten. Das hat also lange nicht solche massiven Auswirkungen wie im Profibereich, wenn dort ein Spieltag mal eben 15 Millionen Euro wert ist. Deswegen geht man dort auch seriöserweise ganz anders mit um.

TOUCHDOWN24: Worauf gilt es bei einem Abbruch zu achten? Muss man dort eine rechtliche Regelung für den Fall der Fälle abschließen?

Dr. Dehesselles: Diese Versuche sind auf jeden Fall deutlich erkennbar. Es gibt insgesamt aber ein breites Spektrum. Da gibt es welche mit breitem Kreuz, die sagen: “Also Business Jugdement Rule. Ich bin hier zur Entscheidung berufen und werde diese sachgerecht treffen.“ Sachgerecht im Sportwettbewerb ist jede Entscheidung, die nicht willkürlich ist. Und die anderen sagen: “Bevor ich hier persönlich mit einer Schadensforderung überzogen werde, brauche ich dazu jedwede Haftungsfreistellung, die nur möglich ist.“

TOUCHDOWN24: Damit sind wir jetzt auch eigentlich schon beim Thema in der GFL und GFL2. Welche Haftungsrisiken tragen die Verbände bzw. ihre gewählten Repräsentanten?

Dr. Dehesselles: Solange und soweit eine Behörde etwas untersagt und ich nur einer behördlichen Anweisung, die halbwegs plausibel und nicht erkennbar rechtswidrig ist, folge, ist keiner einem persönlichen Risiko ausgesetzt. Anders ist es, wenn erkennbar ist, dass eine Behörde willkürlich entscheidet, oder ich einer Behörde durch Angabe falscher Tatsachen zu einer fehlerhaften Entscheidung bewogen habe. Das ist der Fall, wenn z.B. ein Unternehmen selbst Tests macht und behauptet, es wäre keiner positiv getestet worden. Wenn ich dann die Behörde dazu bewege, meinen Betrieb weiter offenzulassen, dann ist es natürlich was anderes, als wenn ich sage: “Ich habe alles offenlegt und ich darf nicht.“ Das ist an den Stellen, wo ich könnte, aber nicht will, der Fall.

6.50 EUR
Heft 35 Ausgabe JUL 2020 Deines American Football Magazins TOUCHDOWN24.


TOUCHDOWN24: Und welche Haftungsrisiken tragen die Vereine bzw. ihre gewählten Repräsentanten? Und müssen Sie eine Haftungsfreistellung gegenüber dem Verband unterzeichnen?

Dr. Dehesselles: Müssen tue ich erstmal gar nichts. Da gilt grundsätzlich erstmal das Regelwerk zum Zeitpunkt der Wettbewerbseröffnung bzw. Saisonbeginn. Das einseitig zulasten eines Teilnehmers abzuändern, ist rechtlich schwierig, da man sich unterworfen hat.

TOUCHDOWN24: In der GFL und GFL2 hat man sich Ende Mai einstimmig auf die Rahmenbedingungen für eine Saison geeinigt. Dennoch sollen die Vereine eine Haftungsfreistellung unterschreiben. Können Sie, ohne im Thema zu sein, erklären, warum man eine solche Erklärung braucht? Oder ist sie nicht unnötig, weil sich ja alle Vereine einig sind?

Dr. Dehesselles: Das ist scheinbar ein sehr vorsichtiger Verband. Was durchaus üblich ist, und in meinen Augen auch sachgerecht und richtig ist, dass ich sage: “Du Verbandsfunktionär, wenn du deine Entscheidung auf vernünftiger Grundlage triffst, nehme ich dich persönlich nicht in Anspruch.“ Weil ansonsten kann mehr oder weniger unzulässiger bzw. nicht seriös Druck auf Vertreter ausgeübt werden. Deswegen setze ich mich dann halt hin und sage: “Übrigens, du Vizepräsident, wenn du nicht für oder gegen eine Fortsetzung bist, dann nehme ich dich persönlich in Anspruch.“

TOUCHDOWN24: Und das ist auch möglich?

Dr. Dehesselles: Ja. Ich kann sowohl den Verband als auch die Entscheidungsträger in Haftung nehmen. So macht man das als guter Anwalt. Alle, die nur denkbar infrage kommen, in Anspruch zu nehmen. Und da muss man halt gucken. Im Fußball kann man es eigentlich relativ schön beobachten, weil sie medienwirksamer sind und sich auch mehr Leute äußern. Da gab es an ganz, ganz vielen Stellen den Versuch, und es gibt ja nur zwei Szenarien, Abbruch oder Fortsetzung, Druck aufzubauen. So wie die Fronten dort verlaufen zwischen Abbruch-Befürwortern und Abbruch-Gegnern hat man entsprechend durchklingen lassen, dass, wenn nicht wunschgerecht entschieden wird, man sich alle rechtlichen Möglichkeiten vorbehalten würde. Die rechtlichen Möglichkeiten sind nicht nur den Verband, sondern auch den Funktionär, insbesondere wenn er bezahlt wird, in Anspruch zu nehmen. Die nicht bezahlten Funktionäre – echte “ehrenamtliche“ – Funktionäre haben es da relativ gut, denn es gibt ein Haftungsprivileg. Bezahlte Funktionäre haften wie jeder andere Geschäftsleiter auch. Wenn der Geschäftsführer z.B. eines Uhrenproduzenten beschließt, er produziert jetzt einfach nicht mehr weiter, können ihm seine Gesellschafter bzw. Aktionäre sagen: “So leicht geht das nicht.“

TOUCHDOWN24: Die Erarbeitung dieser Haftungsfreistellung dauert sehr lange, was etwas überrascht. Könnten Sie sich vielleicht erklären, warum dies der Fall ist bzw. was sowas verzögern könnte?

Dr. Dehesselles: Da haben wir das Szenario hier ein bisschen abgewandelt in: Saisonbeginn ja oder nein? Da verlaufen die Linien. Die, die dafür sind, werden immer behaupten, ihnen entsteht ein Schaden, weil sie nicht spielen können. Mit Sponsoren, Zuschauern, wobei wir darüber gerade nicht reden müssen, und anderem. Und die anderen, die sagen, es ist zu gefährlich, werden behaupten, man dürfte nicht beginnen. Das sind unvereinbare Positionen, aber das Szenario, entscheiden zu müssen, können sie nicht verhindern.

TOUCHDOWN24: Haben Sie die Haftungsfreistellung des AFVD schon mal gelesen? Wenn ja, wie ist Ihre Einschätzung?

Dr. Dehesselles: Sehr umfangreich, sehr weitgehend, rechtlich ambitioniert – insbesondere die Einschränkung der Rechte von an der Vereinbarung nicht beteiligten Außenstehenden.

TOUCHDOWN24: Das Thema soll auch heiß diskutiert werden. Ist es notwendig, dass man externe Dritte z.B. Veranstaltern von Großveranstaltungen als Verein von einer Haftung freistellt?

Dr. Dehesselles: Wenn man von Dritten eine solche Erklärung bekommt, ist das natürlich Gold wert, aber durch Eigenerklärung kann man Haftung gegen Dritte nicht ausschließen. Sie können nicht einfach zulasten Dritter ohne deren Zustimmung eine solche rechtsverbindlich Entscheidung treffen.
Sebastian Mühlenhof

Sebastian Mühlenhof arbeitet seit 2019 bei der SDZ Mediengruppe in Aalen. Während seines Auslandsaufenthalt in Kanada entwickelte sich seine Leidenschaft für den American Football. Seit 2019 arbeitet er als freier Mitarbeiter mit Schwerpunkt auf der GFL für TOUCHDOWN24. Außerdem ist er Kommentator in der GFL, Moderator und Experte des Football-Podcasts "Interception - der Football-Talk" und engagiert sich ehrenamtlich in der Pressearbeit bei den Stuttgart Scorpions.

TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden

Meistgelesen

GFL-Vereine frustriert über Änderungen des Verbandes

18.07.2020 GFL Sebastian Mühlenhof

Am Mittwoch hat der AFVD die angepasste Bundesspielordnung und das neue Lizenzstatut verschickt. Das...