HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

Jetzt kaufen

EM-Absage: Die Hintergründe

EM-Absage: Die Hintergründe
Es war eine News mit Brisanz: Die EM 2018 wird abgesagt. Es ist aber nur die spürbare Spitze einer Entwicklung, die den internationalen American Football in seinen Grundfesten angreift.

Bedauerlich für die Fans hierzulande, die sich bereits auf die Austragung der EM gefreut hatten, sich aber auch fragten, warum der anvisierte Termin zum Ticketkauf, der auf Anfang Dezember gelegt worden war, wortlos verschoben wurde.

Das eigentliche Dilemma liegt aber viel tiefer, sehr viel tiefer. Am 20. November 2017 suspendierte die Global Association of International Sports (GAISF) die International Federation of American Football (IFAF) in einem Brief, der auch an das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in Kopie ging. Grund dafür waren ausstehende Zahlungen seitens der IFAF für einen „Anti-Doping-Service“ in Höhe von 34.877 Euro oder umgerechnet 41.494 US-Dollar, wie aus einem Bericht auf der Homepage der GAISF hervorgeht.

Das Problem: Bei der IFAF fühlt sich niemand so wirklich zuständig - oder gar doppelt. Es gibt nämlich zwei Organisationen der IFAF, die beide für sich deklarieren, das Sagen zu haben. Die IFAF Europe am Standort Paris und die IFAF NY am Standort New York. Philippe Gueisbühler, der Head of Administration der GAISF, bringt es auf den Punkt: "Wir würden es gerne sehen, dass die IFAF vereinheitlicht wird, denn diese Schulden müssen geklärt werden. Dies ist kein Schritt, den wir leicht nehmen. Wir hoffen, dass eine Lösung gefunden werden kann. Es ist wichtig für den Sport, dass die IFAF zusammenkommt und diese Angelegenheit löst.“ Aktuell gibt es also für die GAISF keinen validen Ansprechpartner, mit dem man die Angelegenheit lösen könnte.

Fördergelder weltweit in Gefahr

Und das ist nur der Anfang eines Vorganges, der den internationalen Football teuer zu stehen kommen könnte. Denn im April trifft sich die GAISF zu einer Generalversammlung in Bangkok. Ist die Angelegenheit bis dahin nicht gelöst, könnten die Mitglieder in einer Abstimmung die IFAF endgültig ausschließen. Die Folgen wären dramatisch, da die IFAF ihre Mitgliedschaft im IOC und der WADA verlieren würde, was für den Weltverband bis hinein in die Vereine vieler Nationen ein finanzielles Desaster bedeuten würde. Denn in den meisten Ländern ist die Mitgliedschaft in der GAISF eine allgemeine Voraussetzung, um staatliche Fördermittel zu erhalten. Wenn die IFAF aus der GAISF ausgeschlossen würde, würde diese Finanzierung für viele austrocknen.

Der Brief mit der brisanten Suspendierung wurde sowohl an die IFAF-Zentrale in Frankreich als auch an die in den USA versendet. Richard MacLean, Präsident der IFAF in New York, bezog ebenfalls Stellung und erkannte die Zahlungsaufforderung nicht an, da diese im Rahmen einer Vereinbarung mit Tommy Wiking, dem ehemaligen Präsidenten der IFAF in Paris, am 20. April 2016 bereitgestellt worden war. Zu diesem Zeitpunkt war Wiking aber nicht mehr im Amt, da er es bereits am 30. April 2015 niedergelegt hatte.

Das hatte der Internationale Sportgerichtshof (CAS) mit einem Urteil vom 28. September 2017 bereits bestätigt und sämtliche Aktionen und Unterschriften, die von Wiking nach dem 30. April 2015 getätigt worden waren, für nichtig erklärt. Allerdings stellte der CAS auch fest, dass nicht klar ist, wer momentan der rechtskräftige Vorstand im Football-Weltverband ist. Kurzum: Es gibt eine Rechnung für eine Dienstleistung, die von einer Person in Auftrag gegeben worden war, die nicht mehr zuständig gewesen war – und für die sich nun niemand findet, der diese begleichen will. Letztendlich streiten sich die Fraktionen aus New York und Paris um die Zuständigkeit und stellen damit sämtliche Strukturen darunter infrage.

Die IFAF ist nun in der Pflicht, der GAISF bei der Suche nach eine Lösung zu helfen, die wahrscheinlich darin besteht, Rechtsmittel zu finden, die dazu führen, dass Wiking mit seinem Privatvermögen für die offene Rechnung haftbar gemacht werden soll. Ein langwieriger Prozess, der womöglich zu viel Zeit in Anspruch nehmen wird, einen Ausschluss im April zu verhindern. Der Ruf des internationalen American Football steht vor einem irreparablen Schaden.

FFFA orientiert sich nach New York

In erster Konsequenz blieb nun die Europameisterschaft auf der Strecke. Die für die EM qualifizierten Nationen Frankreich, Österreich und Italien hatten infolge des Kompetenzgerangels ihre Teilnahme am Turnier davon abhängig gemacht, ob die EM einen offiziell anerkannten Status haben werde. Womöglich wäre die IFAF Europe, die als Veranstalter der EM gilt, nach einem noch ausstehenden weiteren Urteil des CAS obsolet und die IFAF in New York wäre der eigentlich rechtskräftige Verband. Nach größeren Verschiebungen im französischen Verband (FFFA) Anfang des Jahres, war die Loyalität der FFFA gegenüber der IFAF Europe nicht mehr gegeben, stattdessen wurden die Fühler der Franzosen in Richtung IFAF NY ausgestreckt und die Teilnahme an der EM in Deutschland abgesagt.

Infolgedessen wurde die EM offiziell von der IFAF Europe und dem lokalen Organisationskomitee des Ausrichters auf unbestimmte Zeit, mindestens aber bis 2019, verschoben. In Finnland könnte es womöglich zu einer „wilden EM“ der nordischen Nationen und Großbritannien kommen. Auch in Spanien gibt es Anzeichen, dass es zu einem international besetzten Turnier kommt - so lud der spanische Verband alle europäischen Nationalmannschaften zu den "European Open" ein. Diese Wettbewerbe hätten aber in keinem Fall einen offiziellen EM-Status.

Nach Oben