HEFT #52

Ausgabe DEZEMBER 2021

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Woche 4: Frankfurt oder Hamburg - Wer ist der Topfavorit in der ELF?

Galaxy-Quarterback Jakeb Sullivan (links) feiert mit Lorenz Regler dessen zweiten Touchdown. Galaxy-Quarterback Jakeb Sullivan (links) feiert mit Lorenz Regler dessen zweiten Touchdown. IMAGO/Jan Huebner
Am vierten Spieltag der European League of Football wurde das Machtverhältnis in der Liga weiter zementiert. Hamburg und Frankfurt feierten klare Siege. Doch wer ist der wahre Topfavorit? Und wie steht es um die Schiedsrichter? TOUCHDOWN24 blickt zurück auf Woche vier.



Sind die Hamburg Sea Devils jetzt der Topfavorit?

Trotz der überraschenden Entlassung von Head Coach Ted Daisher aufgrund verschiedener Ansichten und Erwartungen in der vergangenen Woche wahrten die Sea Devils in dieser Woche ihre weiße Weste und holten den dritten Sieg im dritten Spiel. Mit 44:6 schlug der Spitzenreiter der Nordstaffel die Berlin Thunder. Hat sich Hamburg unter Interimscoach Andreas Nommsen damit als erster Anwärter auf den ELF-Titel etabliert?

Hier lohnt sich ein Blick auf die einzelnen Spiele. Denn auch wenn die Bilanz makellos daherkommt, waren es die Partien bisher nicht. Die Defensivschlacht gegen den Süd-Spitzenreiter Frankfurt Galaxy gewannen die Sea Devils erst kurz vor Schluss durch ein erfolgreiches Field Goal mit 17:15. Das 32:14 zwei Wochen später gegen die Barcelona Dragons kann noch nicht final eingeordnet werden, aber bisher gehören die Spanier zu den schwächsten Teams der ELF. Und zur ganzen Wahrheit des letzten Wochenendes gehört auch, dass es zur Pause zwischen Hamburg und Berlin nur 6:6 stand. Ein überragendes drittes Viertel mit 28:0-Punkten für die Hansestädter reichte letztlich zum klaren Sieg.



War Hamburg also in der zweiten Halbzeit sehr stark, oder Berlin sehr schwach? Fakt ist: Die ersten beiden Viertel waren von starken Defensivreihen, vielen Strafen und einigen Fehlern in wichtigen Situationen bei beiden Teams geprägt. Im dritten Viertel nutzten die Sea Devils schließlich ihre Möglichkeiten und präsentierten sich nahezu perfekt. Auch die Backups hinterließen im vierten Viertel einen guten Eindruck, allerdings hatte sich Berlin zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Niederlage abgefunden.

Somit bleibt die Frage nach der Favoritenrolle aktuell noch offen. Hamburg hat definitiv das Zeug zum Titelgewinn, muss die im dritten Viertel gezeigte Leistung aber noch häufiger auf den Rasen bringen.

Wie steht es um die Frankfurt Galaxy?

Widmen wir uns nun dem Spitzenreiter der Südstaffel. Frankfurt Galaxy hat die Auftaktniederlage in Hamburg inzwischen weggesteckt und nach Siegen in Stuttgart (42:20), zuhause gegen die Wroclaw Panthers (22:13) und am vergangenen Wochenende bei den Cologne Centurions (41:20) bleibenden Eindruck hinterlassen.

Dabei war das Spiel bei den Centurions bereits zur Halbzeit gegessen. 31:0 hatten die Frankfurter nach zwei Vierteln geführt. 270 offensiven Yards standen 75 der Gastgeber entgegen. Erst im letzten Viertel betrieben die Kölner Ergebniskorrektur. Das sonst so starke Laufspiel der Centurions um Rushing-Leader Madre London kam mit 87 Yards über die gesamte Spielzeit quasi zum Erliegen, auch wenn London während des Spiels die 1.000 Yard-Saisonmarke knackte. Es war eine offensive und defensive Machtdemonstration, die die Frankfurter auf den Rasen brachten.



Die komfortable Staffelführung dürfte in den folgenden Wochen kaum wackeln. Drei Heimspiele stehen auf dem Programm. Gegen Barcelona und Stuttgart sind die Frankfurter klar favorisiert. Spannend wird es am 8. August, wenn die Sea Devils in der PSD-Bank-Arena gastieren. Spätestens dann dürften Fans und Experten eine genauere Vorstellung von den Machtverhältnissen in der ELF bekommen.

Hat die ELF ein Schiedsrichter-Problem?

Die Partie zwischen Stuttgart Surge und den Leipzig Kings war bis zum letzten Snap spannend und definitiv die richtige Wahl als Livespiel bei ProSieben Maxx. Mit einem 12:24-Rückstand waren die Surge in das letzte Viertel gegangen und drehten das Spiel in beeindruckender Manier. Neu-Quarterback Aaron Ellis bewies seine Qualitäten und fand Tight End David Meza eine Minute vor Schluss zum entscheidenden letzten Touchdown. Auf der anderen Seite überragte Alpha Jalloh als sprichwörtliches Schweizer Taschenmesser und legte eine offensiven, einen defensiven und einen Special-Teams-Touchdown auf.



Die spannende Endphase der Partie täuschte jedoch kaum über ein im Hintergrund schwelendes Problem der ELF hinweg: Die Schiedsrichterleistungen waren – positiv formuliert – ausbaufähig. Teilweise wirkten die Crews unentschlossen in ihren Entscheidungen und sogar zeitweise nicht ganz regelfest. Beispielsweise hatten die Referees kurz vor Schluss bei Third Down Leipzig eine defensive Neutral Zone Infraction gegen Stuttgart gepfiffen. Diese hätte den Kings ein neues First Down gebracht. Doch die Crew nahm die Flagge zurück. Leipzig spielte den vierten Versuch aus, scheiterte jedoch und verlor das Spiel.

Dies war nur eine von vielen fragwürdigen Entscheidungen seit dem Start der ELF. Grundsätzlich sollten die Schiedsrichter aber in Schutz genommen werden. Einige Faktoren relativieren die Leistungen. Denn bei den Referees handelt es sich nicht um Profis, sondern um ehemalige GFL-Schiedsrichter. Und hier liegt eine weitere Krux: Die GFL spielt mit College-Regeln, die ELF mit NFL-Regeln. Die Unterschiede sind groß, weswegen es auch in Verbindung mit der kurzen Vorbereitungszeit auf die neue Saison immer wieder zu Verwirrung kommt.

Zur ganzen Wahrheit gehört zudem, dass die Schiedsrichter meist nicht die alleinige Ursache für Niederlagen sind. Leipzig brachte sich am vergangenen Wochenende selbst um den Lohn, denn die Kings verschossen alle vier Extrapunkte! Hätten die Special Teams besser funktioniert, hätte Leipzig das Spiel mit 28:27 gewonnen – zumindest auf dem Papier. Den Schiedsrichtern hier die Schuld in die Schuhe zu schieben, ist dann doch teilweise zu einfach.

Ohne Frage müssen sich die Schiedsrichterleistungen aber verbessern, wenn die ELF als Liga ernstgenommen werden will. Denn so gut das Produkt im TV rüberkommt, so groß ist das bisher verschenkte Potenzial. Selbst wenn es sportlich hakt, sollte der regeltechnische Rahmen der Partien vernünftig abgesteckt sein.

Wer wurde MVP?

270 Yards, fünf Touchdowns und ein Passer-Rating von 146,67 – Galaxy-Quarterback Jakeb Sullivan drückte dem Spiel gegen Köln seinen Stempel auf. Der ehemalige Ballverteiler der Marburg Mercenaries und GFL-Allstar von 2019 brachte 18 Pässe an neun verschiedene Receiver an.

Ergebnisse von Woche 4:


Stuttgart Surge vs. Leipzig Kings 27:24 (0:12, 12:6, 0:6, 15:0)
Cologne Centurions vs. Frankfurt Galaxy 20:41 (0:13, 0:18, 7:7, 13:3)
Hamburg Sea Devils vs. Berlin Thunter 44:6 (6:0, 0:6, 28:0, 10:0)
Sven Schuer

Nach seinem Soziologiestudium in Osnabrück absolvierte Sven Schüer ein Praktikum bei der Neuen Osnabrücker Zeitung und blieb dem Journalismus bis heute treu. Als freier Mitarbeiter berichtet er vom Amateurfußball in und um Osnabrück und begleitet das Footballteam der Osnabrück Tigers seit einigen Jahren. Darüber hinaus schreibt er als freier Autor für verschiedene Online-Magazine und seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Twitter: @Schueer86
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