Zach Wilson / Top Draft Prospect der BYU Cougars Zach Wilson / Top Draft Prospect der BYU Cougars Imago Images / ZUMA Wire / Michael Sullivan

Sollen die Miami Dolphins Quarterback Zach Wilson draften?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  15.01.2021
Die Miami Dolphins haben vor zwei Jahren alles auf einen umfassenden Rebuild ihres Teams gesetzt und dabei schon früh ihren neuen Quarterback Tua Tagovailoa ins Auge gefasst. Nach einer 10-6 Saison scheinen sie die ersten Früchte ihres umstrittenen und gleichzeitig mutigen Plans nun zu ernten. Viele Fans der Dolphins wünschen sich daher auch ein rasches Ende der Debatte um ihren jungen Quarterback. Doch die wird so schnell nicht enden. In zehn Einsätzen, wovon der Rookie in neun gestartet ist, wurde der Spielmacher gleich zweimal ausgewechselt, weil Head Coach Brian Flores den Teamerfolg über die Entwicklung seines jungen Passgebers stellte. Blindes Vertrauen und kompromisslose Unterstützung in ein künftiges “Face of the Franchise” sieht anders aus.

Dank des Trades mit den Houston Texans und der Abgabe von Offensive Tackle Laremy Tunsil und Wide Receiver Kenny Stills halten die Miami Dolphins den dritten Pick im kommenden NFL Draft. Aufgrund der Qualität des Kaders ist eine solch frühe Auswahl in den nächsten Jahren beinah ausgeschlossen. Weshalb sich die Entscheidungsträger um General Manager Chris Grier berechtigterweise die Frage stellen: Investieren wir in unseren aktuellen Quarterback Tua Tagovailoa oder nutzen wir die seltene Gelegenheit und wählen einen neuen Spielmacher für die Zukunft?

Immer wieder wird das Team aus Florida dabei mit dem BYU Cougars Quarterback Zach Wilson in Verbindung gebracht. Der 21 jährige Playmaker studierte in seiner Heimat Utah Baumanagement und erlebte mit seinem unabhängigen Team den großen Durchbruch in der abgelaufenen Saison. Mit elf Siegen bei nur einer Niederlage gewann Wilson zuletzt im Boca Raton Bowl gegen Central Florida und spulte über die Saison beeindruckende Leistungen am Fließband ab. Insgesamt vervollständigte er 73,4 Prozent seiner Pässe für 3.699 Yards und 33 Touchdowns bei nur drei Interceptions.



Stärken Zach Wilson

Was in 2019 noch als fraglich bei Zach Wilson galt, sollte sich ein Jahr später schlagartig ändern. Nachdem er seine Schulterverletzung endgültig auskuriert hatte, entwickelte er sich in 2020 zu einem Quarterback mit phänomenaler Genauigkeit. Es ist eine Sache ein besonderes Armtalent zu besitzen. Die andere ist, den Pass auch an den Mann zu bringen. In enge Passfenster wirft er seine Versuche mit einem so guten Ball Placement, dass nur seine Receiver den Ball erreichen konnten. Niemand in dieser Klasse wirft auch auf tiefen Ebenen noch einen so genauen Ball wie er. Das Timing mit seinen Receivern lässt sich als nahezu perfekt beschreiben. 

Gerät Wilson unter Druck, verwandelt sich der sonst so gelassene Ballverteiler zum “Straßen-Footballer”. Dank seiner guten Athletik beweist sich Wilson in Drucksituationen als mobiler und dennoch präsenter Quarterback innerhalb und außerhalb der Pocket. Am College lief er sogar diverse Read Options, sodass ihm eine gewisse Vielseitigkeit für die NFL bescheinigt werden kann. Spielzüge mit den Beinen zu verlängern, ist bei den Profis mittlerweile gefragt wie noch nie. 



Wilson kann in unterschiedlichen Systemen spielen. Er performt Read Options, sowie das vielfältige Lesen einer Defense schon sehr reif. Nach überstandener Schulterverletzung konnte er sich wieder mehr auf sein bemerkenswertes Ball Placement verlassen. Seine 33 Touchdowns zu drei Interceptions trotz kleiner Passfenster sprechen Bände. 

Schwächen Zach Wilson

Zach Wilson musste bereits an der Hand und an seiner Schulter operiert werden und spielte nach ausgeheilter Prozedur nur eine exzellente Saison, die Rückschlüsse auf sein NFL Talent zulässt. Dazu kommen seine unorthodoxen Passmechaniken, die eine Bewertung weiter erschweren. Hier wirken einige vollbrachte Kunststücke recht wackelig. Seine Beinarbeit ist gut, aber die Platzierung seiner Füße vor dem Abwurf wirkt unkonventionell. Bisher hat es aber funktioniert, weshalb es keinen Grund gibt, daran etwas zu ändern. Dennoch scheint er sich seine Arbeit auf dem Platz damit schwieriger zu machen als es nötig wäre. Im Unterkörper sollte er zumindest seine Wurfbewegung mehr führen, um bei Würfen an die Außenlinie stabiler zu agieren. 

Bewertung Zach Wilson

Mittlerweile wird Zach Wilson bei fast allen Scouts zu den absoluten Top Talenten dieser Draftklasse gezählt. Seine besondere Athletik macht ihn zu einem vielseitigen Quarterback, der in unterschiedlichen modernen NFL Systemen mit Spread Elementen und/oder Read Options auftrumpft. Wilsons Fähigkeiten, Pässe mit Antizipation und perfektem Timing zu werfen, sind elitär. Er spielt mit dem Selbstvertrauen und der Mentalität, die einen sehr frühen Draftpick rechtfertigen. Sein Potential ist das größte aller Spielmacher, auch wenn Justin Fields und Trevor Lawrence gute Argumente für sich vereinnahmen können. Wilson gilt als Führungsspieler auf und abseits des Feldes und gehört vom ersten Tag an in ein NFL Starting Lineup, wo er sich mit wachsender Erfahrung dann weiterentwickelt.  

Bedeutung für den NFL Draft

In vielen Mock Drafts findet sich Zach Wilson unter den Top Drei. Aufgrund seines beschriebenen Talents ist das absolut nachvollziehbar. Ihn jedoch im Trikot der Miami Dolphins zu sehen, fällt schwer. Zwar wird Arizona Cardinals GM Steve Keim mittlerweile für einen ähnlichen Move gefeiert, als er nach einem Jahr Josh Rosen aufgab und an erster Stelle Kyler Murray auswählte. Doch sind die Vorzeichen nicht vergleichbar. Rosens Leistungen waren katastrophal, während Tua eben die berüchtigten Wachstumsschmerzen zeigte, die zu einem frühen Zeitpunkt in der Entwicklung abzusehen waren. Außerdem ging mit der Auswahl von Murray auch ein Trainerwechsel und praktisch eine komplette Neuausrichtung einher. Das alles ist in Miami nicht der Fall.

Isoliert von Justin Herberts Leistungen in Los Angeles, erlebten Beobachter keine schlechte Saison von Tagovailoa sondern eine zu erwartende Rookie Saison. Dass die Miami Dolphins bereits so gut aufgestellt sind und öfter auf Sieg spielten als es der Entwicklung des jungen Quarterbacks genützt hätte, kann sich in 2021 noch als positiver Faktor herausstellen.

Es ist wahrscheinlicher, dass Teams wie die San Francisco 49ers oder die Carolina Panthers für Zach Wilson vortraden und die Dolphins sich auf die Verbesserung des Umfelds für Tagovailoa stürzen. So befindet sich das Team auf der Suche nach einem neuen Offensive Coordinator. Weitere Unterstützung benötigt der Quarterback in der Offensive Line, dem Receiving Corps und über das Laufspiel. Ersteres sollte früh über den Draft adressiert werden. Letzteres ergibt sich aus Ergänzungen auf Runningback und Verbesserung der Offensive Line.

Wide Receiver DeVante Parker hat noch Vertrag. Ebenfalls Tight End Mike Gesicki. Doch beide fehlten in der Vergangenheit öfter und sind keine Nummer Eins Ziele. Dies wird ein Rookie ebenfalls nicht ab dem ersten Tag sein. Ein Trade, inklusive Zweitrundenpick, für einen etablierten Receiver bietet sich an. Einen jüngst mit dem Franchise Tag ausgestatteten Passempfänger der Spitzenklasse für seinen jungen Quarterback zu sich zu transferieren, scheint im Trend und zahlte sich bereits für andere Teams aus. Frühe Draftpicks auf Wide Receiver zu verwenden, ist bei der Qualität auf dieser Positionsgruppe ebenfalls eine Möglichkeit. 

Was machen die Miami Dolphins

Die These, einen neuen Quarterback zu holen, bleibt hartnäckig im Raum. Denn in den Angriff kann für Zach Wilson beinah genauso intensiv investiert werden, wie für Tua Tagovailoa, für den bei einem Trade auch noch etwas herausspringen dürfte. Die Frage, welche von Draft Insidern weniger als von Dolphins Beat Writern beantwortet werden sollte, wie überzeugt sind Chris Grier und Brian Flores tatsächlich von ihrem Signal Caller. Jüngste Äußerungen von Mitspielern deuten an, dass sich Miami derzeit alles andere als auf Tua Tagovailoa festlegt.

https://twitter.com/BillyM_91/status/1349347095443070978?s=20

Für welchen Weg sich die Franchise auch entscheidet. Es birgt ein Risiko. Tua könnte sich als Flop herausstellen und das Team dann aber zu gut sein, um einen Ersatz zu draften. Die Investition in Offensive Line, Wide Receiver und Laufspiel würde dieses Unterfangen nur weiter erschweren. Und das große Potential von Zach Wilson könnte bei einem anderen Team aufgehen.

Setzt das Team jedoch auf den unerfahrenen Wilson, weiß niemand, ob er letztendlich eine Verbesserung mitbringt oder sogar auf das Leistungsniveau von 2019 und vorher zurückfällt. Das Argument, man würde Chancen bei der Verbesserung des Teams im Draft verpassen, zählt aber nur bedingt. Statt Penei Sewell erhält man vielleicht später den vielseitigen Rashawn Slater, der kaum weniger talentiert ist und einen weiteren Offensive Linemen für den Draftpick, der im Tausch für Tagovailoa herausspringt.

Die Miami Dolphins tun also gut daran, die Debatte auf ihre Bewertung beider Quarterbacks zu reduzieren und mögliches Potential über verlorene Draftpicks auszuklammern. Zach Wilson ist die Frage sicherlich Wert. Es scheint weiterhin ein langer Weg dahin zu sein, dass die Dolphins bereits nach einem Jahr von Tua Tagovailoa Abstand nehmen. Der Vergleich zur Situation in Arizona hinkt zwar gewaltig. Ein Präzedenzfall, der eine solche Debatte unvoreingenommen ermöglicht, ist dennoch geschaffen. Zach Wilson ist ein Quarterback, dessen Potential Begehrlichkeiten bei vielen Franchises weckt. Gewiss auch das Verlangen Miamis. 

Philipp Forstner

DraftNerdPhilipp Forstner, alias Draft Nerd, ist ehemaliger O-Liner und sammelte erste Erfahrungen als Autor bei "Beardown Germany". Er schreibt über den NFL Draft und College Football für TOUCHDOWN24 und beobachtet als Scout die zukünftigen und aktuellen Spieler der NFL.

TOUCHDOWN24 im Abo

td24 abo 300x300

Anzeige

Händler finden