Nicht nur das Maskottchen der Oregon Ducks blickt in eine ungewisse Zukunft - die gesamte NCAA tut es ebenfalls. Nicht nur das Maskottchen der Oregon Ducks blickt in eine ungewisse Zukunft - die gesamte NCAA tut es ebenfalls. Imago Images / ZUMA Press / Louis Lopez

College Football 2020: Schockschwerenot!

geschrieben/veröffentlicht von/durch  20.08.2020
Wenn sich die letzten Tage des Sommers langsam verabschieden und die Schatten des Herbstes länger werden, dann heißt es in den USA eigentlich jedes Jahr: Welcome College Football! So wird es auch in diesem Jahr sein, allerdings nicht überall, unter ganz anderen Voraussetzungen und auf eine Art und Weise, wie man es sich noch vor einem halben Jahr nicht hätte ausmalen können.

Dass die Covid-19-Pandemie mit ihren umtriebigen Tentakeln auch vor Amerikas Universitäten nicht Halt machen würde, ist in einem der am schwersten getroffenen Länder auf der Welt spätestens seit letzter Woche bittere Realität. Die großen College-Football-Ligen standen vor schweren Entscheidungen. Entscheidungen, welche sehr unterschiedlich ausgefallen sind.

Von den fünf Power-Five-Conferences spielen die SEC (Saisonstart 26. September), die ACC (10. September) sowie die Big 12 (26. September) eine modifizierte Saison, dagegen verschieben die Big Ten und die Pac 12 alle Herbstsportarten zunächst bis zum Januar. Ähnlich unterschiedlich sind die Meinungen in den vielen kleineren Conferences, ein totales Chaos droht.

Spielen oder nicht – das ist hier die Frage

Die große Frage, was in dieser Situation richtig oder falsch ist, stellt sich dieser Tage in etlichen TV-Sendungen, Zeitungskolumnen oder Podcasts – meist mehr als emotional, denn es sind nicht nur die Lebensträume der Spieler, die hier am seidenen Faden hängen. Es geht um mehr, um Geld, um Macht, um Politik und letztendlich vor allem um Gesundheit.

College Football ist ein Stück Americana, ein geradezu kultureller Schatz und damit fester Bestandteil vom Selbstverständnis vieler Landesteile. Die Liebe gilt hier nicht nur dem Spiel an sich, sie äußert sich in einem Lebensgefühl, in schier unbändigem Herzblut und religiöser Verehrung junger Helden. Da ist etwas an einem Flutlicht-Spiel in LSU‘s Death Valley, am Iron Bowl in Alabama oder an "The Game", das man so in keiner anderen Sportart findet.

Spieler und Coaches gehen teilweise auf die Barrikaden

Diese tiefgreifenden Emotionen machen eine Entscheidung über den Spielbetrieb im Schatten der Pandemie nicht einfacher. Es sind nicht nur viele Fans, die auf Spiele pochen, sondern auch Spieler (wie Justin Fields, der eine Petition unter #LetUsPlay startete), Coaches (wie Alabamas Nick Saban oder Michigans Jim Harbaugh), Eltern, Verantwortliche und nicht zuletzt der Präsident der Vereinigten Staaten selbst.

Was sagt ein Coach einem Spieler, der in seiner letzten Saison steht und der ein Leben lang diese Spielzeit herbeigesehnt hat? Was macht ein Spieler, der sich eventuell um Angehörige sorgt? Was fühlt ein Coach, der zur Risikogruppe zählt? Was denken Universitätspräsidenten oder Athletic Directors, wenn sie morgens auf ihr Handy schauen? Oder was würden sie Eltern sagen, deren Sohn beim Spiel etwas passiert?

Das Milliardengeschäft College Football erhöht den Druck

Aus unendlich vielen Einzelschicksalen sollen einige wenige einen Konsens finden und das in einer oft gespaltenen Welt vor ihrer Haustür. Hierbei abzuwägen, was dem Gemeinwohl und was dem Individuum zusteht und was man ihm zumuten kann, ist eine mehr als schwere Aufgabe. Diese wird durch die immense Wichtigkeit des College Footballs umso kniffliger.

Denn auch finanziell wären die Auswirkungen fatal. Football generiert teilweise bis zu 80 Prozent der Einnahmen eines Athletic Departments und finanziert damit fast alle anderen Sportarten (außer in der Regel Basketball) mit. Ohne Saison könnten Colleges um die 100 Millionen Dollar verlieren, was der Todesstoß für viele kleinere Disziplinen sein könnte. Von den ausbleibenden Einnahmen für lokale Geschäfte in Stadionnähe ganz zu schweigen.

Universitäten stehen vor einem absoluten Chaos

All dies lässt sich natürlich nicht gegen ein Menschenleben aufwiegen und so gilt es das Risiko zu definieren und abzuwägen. Eine Reihe von Ärzten warnt, andere wiederum sagen, man kann spielen. Die rechtliche Situation an mit öffentlichen Geldern und horrenden Studiengebühren finanzierten Universitäten, wo ein Großteil der Kurse derzeit online abläuft, aber Football einen Sonderstatus erhält, birgt ebenfalls reihenweise sozialen Zündstoff.

In unterschiedlichsten Regionen Amerikas – politisch, kulturell und im Bezug auf die aktuelle Situation – werden in den kommenden Tagen und Wochen Antworten auf viele Fragen gefunden werden müssen. Wie diese ausfallen, das steht in den Sternen. Sicher ist, dass einige Verantwortliche schwere Entscheidungen treffen mussten, für welche sie niemand auf diesem Planeten beneiden sollte. Und es werden weitere folgen.

Schließlich ist es ein Herbst wie nie zuvor...

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Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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